Der Pierrot als klassiche Basler Fasnachtsfigur
- Bastian Peter

- vor 2 Tagen
- 17 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 23 Stunden
Geschichte und Entwicklung einer klassischen Basler Fasnachtsfigur – Ursprung, Larve und Kostüm
Bei unserer Artikel-Reihe "Die Klassischen Basler Fasnachtsfiguren" werfen wir einen Blick auf den Ursprung unserer Figuren, die an der Basler Fasnacht anzutreffen sind. Manche gehen weit zurück, manche weniger - aber alle sind Teil der Identität der Basler Fasnacht. Einige der klassischen Figuren der Basler Fasnacht sind nicht mehr vertreten, andere machen Comebacks, aber viele davon kennt heute noch jedes Kind. Der erste, die Figur des Pierrots, macht den Anfang.

Inhaltsverzeichnis

Der Pierrot: eine Figur zwischen Theatergeschichte und Basler Fasnacht
Die Basler Fasnacht kennt eine ganze Reihe von Figuren, die man sofort wiedererkennt. Manche gehören seit Generationen zum selbstverständlichen Bild der Fasnacht, andere sind heute seltener geworden oder leben nur noch in einzelnen Cliquen, Zügli oder als Einzelmasken weiter. Andere gelten als ausgestorben. Hinter vielen dieser Figuren stehen nicht nur Gewohnheit und Brauch, sondern oft auch erstaunlich lange kulturgeschichtliche Linien.
Dieser Beitrag eröffnet eine Serie über klassische Basler Fasnachtsfiguren. Ziel dieser Reihe ist es, die wichtigsten Figuren der Basler Fasnacht nicht bloss mit ein paar Standardsätzen abzuhandeln, sondern sie historisch, quellenbasiert und möglichst umfassend darzustellen. Statt der wenigen Zeilen, die man oft über einzelne Figuren findet, soll hier Schritt für Schritt ein Fundus entstehen, der weiter, tiefer und fundierter ist.
Den Anfang macht der Pierrot. Das ist eine gute erste Figur, weil sich an ihr besonders schön zeigen lässt, wie sich europäische Theatergeschichte und Basler Fasnacht miteinander verschränken. Der Pierrot ist nämlich keine ursprünglich baslerische Figur, sondern eine Gestalt, die aus der Theatertradition stammt und in Basel eine eigene fasnächtliche Form angenommen hat.
Wer sich zuerst für die Entwicklung der Larven selbst interessiert, findet auf der Website des Larven Atelier Charivari bereits einen ausführlichen Beitrag zur Geschichte der Basler Künstlerlarven. Gerade für das Verständnis des Pierrot ist dieser Zusammenhang wichtig, weil die Figur in Basel bereits präsent war, bevor sich die spezifische Basler Künstlerlarve voll ausgebildet hatte.

Der Pierrot als Figur der Basler Fasnacht
Wer an der Basler Fasnacht einem Pierrot begegnet, erkennt ihn meist sofort. Das weite Gewand, die Pompons, die Halskrause, das Filzkäppi mit Pfauenfeder und vor allem die ruhige, melancholische Larve verleihen der Figur eine ganz eigene Wirkung. Anders als viele andere Fasnachtsfiguren lebt der Pierrot nicht in erster Linie von Groteske, Lärm oder aggressiver Narrheit. Gerade darin liegt ein Teil seines Reizes. Der Basler Fasnachtsforscher Eugen A. Meier beschreibt den Pierrot in seinem Buch „Die Basler Fasnacht“ (1985) knapp, aber sehr präzise als weit verbreitete Figur. Wörtlich heisst es bei Meier:
„Der Pierrot ist ein weit verbreitetes Fasnachtskostüm.“

Diese Formulierung ist aufschlussreich. Sie zeigt erstens, dass der Pierrot im Basler Fasnachtsbild keine seltene Ausnahme, sondern über längere Zeit eine regelmässig anzutreffende Figur war. Zweitens spricht Meier bewusst vom Kostüm, also von der ganzen Erscheinung der Figur und nicht nur von einem einzelnen Detail.
Gerade im Vergleich mit anderen klassischen Basler Figuren fällt die besondere Tonlage des Pierrot auf. Neben Ueli, Bajass, Harlekin, Dummpeter oder Alti Dante steht der Pierrot für eine weniger derbe, weniger groteske und oft deutlich stärker theatergeschichtlich geprägte Form der Figur. Er ist gewissermassen ein stillerer Narr. Nicht die burschikose Frechheit steht im Vordergrund, sondern eine Mischung aus Poesie, Zurückhaltung und leiser Komik.
Diese Wirkung ist kein Zufall. Sie hängt unmittelbar mit der Herkunft der Figur zusammen. Der Pierrot stammt aus einer langen europäischen Theatertradition, wurde in Basel aber so stark angeeignet, dass er heute ganz selbstverständlich zu den klassischen Basler Fasnachtsfiguren gezählt wird.
Die Larve des Pierrot
Besonders charakteristisch ist die Larve des Pierrot. Anders als viele andere Fasnachtslarven lebt sie nicht von Verzerrung, grotesker Übertreibung oder aggressivem Ausdruck, sondern von einer eher ruhigen und gleichmässigen Gestaltung. Gerade dadurch unterscheidet sich die Figur von anderen Narrengestalten.
Die Larve des Pierrots hat klassisch einen weissen Grund, was nicht bedeutet, dass man nicht hin und wieder Abwandlungen sieht, wie eben komplett goldige, silberne oder andere Grundierungen - Sie werden in der Regel zurückhaltend und mit melancholischen Ausdruck gemalt.

„Seine Komik ist nicht die des derben Spasses. Seine Larve wirkt vielmehr gesammelt, still und leicht träumerisch.“
Seine Komik ist nicht die des derben Spasses. Seine Larve wirkt vielmehr gesammelt, still und leicht träumerisch.
Gerade diese Melancholie ist ein Schlüssel zur Figur. Man findet sie nicht nur in der Basler Überlieferung, sondern bereits in älteren Beschreibungen des Pierrot in der Theatergeschichte. Die Basler Larve nimmt also etwas auf, das in der Figur schon länger angelegt war.
An dieser Stelle ist allerdings eine wichtige Unterscheidung nötig. Trachsler erwähnt, dass das Larvengesicht des Pierrot „früher übrigens auch als weisse Halbmaske oder durch blosse Bemalung des Gesichts dargestellt worden sein soll“.
Das ist ein interessanter Hinweis, darf aber nicht auf die heutige Basler Fasnacht übertragen werden. Halblarven gehören nicht zur modernen Basler Norm dieser Figur. Der Hinweis gehört vielmehr in den Zusammenhang älterer Darstellungsformen des Pierrot, also in seine Vorgeschichte oder in Zwischenformen der Figur, nicht in die Beschreibung des heutigen Basler Standards. Für die Basler Fasnacht, wie man sie heute kennt, ist gerade die ausgearbeitete Pierrot-Larve typisch.
Diese Differenz ist wichtig, weil sonst leicht der falsche Eindruck entsteht, der Basler Pierrot sei historisch einfach eine halbmaskierte Bühnenfigur geblieben. Das ist nicht der Fall. Die Basler Fasnacht hat den Pierrot vielmehr in die eigene Larvenkultur eingebaut und ihm eine ganz bestimmte, überlieferte Form gegeben.
Gerade hier berühren sich Theatergeschichte und Basler Praxis besonders deutlich. Im französischen und kunstgeschichtlichen Zusammenhang erscheint der Pierrot häufig als Weissgesicht, also ohne eigentliche Maske oder nur mit reduzierter Gesichtsverwandlung. In Basel wird aus diesem Typus eine Larvenfigur. Das ist kein Widerspruch, sondern die Folge eines Systemwechsels: Was im Theater über Schminke, Gestik und stilles Spiel funktioniert, wird in der Basler Fasnacht in die Sprache der Larve übersetzt.
Übrigens, die wunderschön, melancholische Larven Form des Pierrots aus dem Larven Atelier Métraux Bucherer, aus dem Jahr 1923, wurde uns vor vielen Jahren vermacht und somit immernoch im Umlauf. Es ist eine der Pierrot Larven-Formen, die jährlich von Liebhabern und Aktiven bei uns im Atelier bestellt werden.
Das Kostüm des Pierrot
Mindestens so wichtig wie die Larve ist das Kostüm des Pierrot. Auch hier sind die Angaben bei Trachsler besonders ergiebig. In „Vom Narr zum Ueli“ heisst es zur älteren Form des Kostüms:
„Ursprünglich war – farbige Darstellungen belegen es – das Kostüm des Pierrot aus weissem Stoff geschneidert.“
Schon dieser Satz ist zentral, weil er die Grundgestalt der Figur bezeichnet und zugleich historisch verankert. Trachsler beschreibt weiter, dass der Oberteil hemdartig und weit geschnitten gewesen sei. Der Halsausschnitt sei von einer grossen Rüsche bedeckt worden, und entlang der Knopfleiste seien Pompons angenäht gewesen. Auch die Hosen seien weit gewesen.
Diese Beschreibung deckt sich auffallend mit der Wahrnehmung, die sich in Basel bis heute gehalten hat. Auch Eugen A. Meier bestätigt in „Die Basler Fasnacht“ (1985) die charakteristischen Elemente des Kostüms und hält fest:
„Grosse Pompons gehören dazu.“
Dass sowohl Trachsler als auch Meier dieselben Grundzüge nennen, ist wichtig. Es zeigt, dass wir es nicht mit einer zufälligen Einzelbeobachtung zu tun haben, sondern mit einer stabil überlieferten Figurengestalt.
Besonders interessant ist die Entwicklung der Kopfbedeckung. Laut Trachsler sass auf dem Kopf ursprünglich ein „zuckerstockförmiger Hut“ aus weichem Material, wohl Filz, mit aufwärts gebogener Krempe. Später habe sich daraus jene Form entwickelt, die man heute eher mit dem Basler Pierrot verbindet: ein randloses Filzkäppi mit Pfauenfeder. Dazu komme in vielen Darstellungen die Bastperücke. Auch die frühere weichere Rüsche sei im Lauf der Zeit oft durch eine steifere Halskrause ersetzt worden.
Gerade diese Details sind wichtig, weil sie zeigen, dass der Basler Pierrot keine starre Theaterkopie ist. Die Figur hat sich im Laufe der Zeit verändert, blieb aber in ihren Grundzügen erkennbar. Sie wurde also baslerisch weiterentwickelt, ohne ihren historischen Kern zu verlieren.
Der heutigen Basler Fasnacht und aus den zeitgenössischen Beschreibungen und späteren Zusammenfassungen wird zudem deutlich, dass der Basler Pierrot im Unterschied zur älteren Theaterfigur nicht einfach weiss blieb. Offenbar in Basel bald verschiedene Farben getragen, und an die Stelle der grossen Knöpfe traten Pompons. Der grössere ältere Hut verschwand, während die schwarze Calotte, später mit Feder, sowie die Halskrause als wichtige Merkmale erhalten blieben. Gerade darin zeigt sich nochmals, wie stark Basel die Figur zwar übernahm, sie aber zugleich in eine eigene fasnächtliche Form überführte.


Woher der Pierrot ursprünglich kommt
Um den Pierrot wirklich zu verstehen, muss man über Basel hinausgehen. Die Figur gehört in die Geschichte der europäischen Theatercharaktere, besonders in die Welt der Commedia dell’arte. Dort begegnet uns zunächst die Figur des Pedrolino, eines Dieners, aus dem sich der spätere Pierrot herleitet.
Im deutschsprachigen Raum gehört Karl Friedrich Flögels „Geschichte des Grotesk-Komischen“ (1862) zu den wichtigsten älteren Quellen für diese Entwicklung. Flögel beschreibt den Pierrot nicht als isolierte Einzelgestalt, sondern als Produkt einer lebendigen Theaterwelt, in der Figuren, Rollen und Kostümtypen ineinandergriffen. An einer zentralen Stelle heisst es:
„… er verband die Kleidung des Polichinells mit dem Charakter des Harlekins, und so entstand das groteske Geschöpf des Pierrot.“
Diese Passage ist wertvoll, weil sie zeigt, dass Flögel den Pierrot als Ergebnis einer Mischung und Weiterentwicklung beschreibt. Der Pierrot entsteht bei ihm nicht aus dem Nichts, sondern im Spannungsfeld von Pedrolino, Polichinell, Harlekin und der französischen Weiterentwicklung der italienischen Komödie.
Auch Luigi Riccoboni, dessen „Histoire du théâtre italien“ (1728) zu den grundlegenden älteren Werken über das italienische Theater in Frankreich gehört, bildet den wichtigen Rahmen für diese Welt. Bei Riccoboni werden die italienischen Bühnenfiguren als „personnages fixes“ sichtbar, also als feste Typen mit wiedererkennbaren Eigenschaften. Wer verstehen will, warum aus einer italienischen Dienerfigur eine französische Bühnenfigur und schliesslich eine Basler Fasnachtsfigur werden konnte, muss genau diesen Weg über das Theater nehmen.
Der französische Künstler und Theaterhistoriker Maurice Sand beschreibt die Figurenwelt der italienischen Komödie im 19. Jahrhundert ausführlich in „Masques et bouffons“ (1860). Dort nennt er den Pierrot:
„le rêveur de la comédie italienne“
also den Träumer der italienischen Komödie. Dieser Ausdruck trifft den Charakter der Figur ausserordentlich gut. Der Pierrot ist eben nicht bloss komisch. Er trägt immer auch etwas Träumerisches, Weiches, Verschobenes und leicht Entrücktes in sich.
Gerade für die Differenzierung innerhalb der Figurenwelt sind auch Michele Scherillo und Winifred Smith wichtig. Scherillo beschreibt in „La Commedia dell’Arte“ (1884) den Pedrolino als weniger grotesk als Pulcinella und weniger akrobatisch als Harlekin. Winifred Smith betont in „Commedia dell’arte“ (1912), Pedrolino werde oft als sanft und mitunter sentimental dargestellt. Damit wird verständlich, weshalb die spätere Pierrot-Figur nicht einfach als Ableger der derben Komik gelesen werden darf, sondern als eine Figur, in der von Anfang an eine weichere, empfindsamere Linie angelegt ist.
Bei Winifred Smith, Commedia dell’arte (1912) wird zudem sichtbar, dass Pedrolino nicht isoliert, sondern innerhalb derselben clownesken Rollenwelt erscheint wie Arlecchino und Pulcinella. Smith nennt diese Figuren ausdrücklich nebeneinander als Varianten des Zanni- bzw. Clownpartes. Gerade deshalb ist es sinnvoll, den Pierrot nicht als plötzlich auftauchende Einzelfigur zu lesen, sondern als spätere Ausformung innerhalb eines bereits bestehenden Typensystems.

Dazu passt, dass Karl Friedrich Flögel die Commedia dell’arte selbst als aus älteren Mimen- und Possentraditionen hervorgegangen versteht. In seiner Darstellung wird ausdrücklich gesagt, es sei „wahrscheinlich, dass die uralte Komödie aus dem Stegreif (Commedia dell’arte) nach und nach aus denselben entstanden ist“. Damit wird der Pierrot noch stärker als Ergebnis einer langen europäischen Entwicklung lesbar und nicht bloss als Produkt eines einzelnen Jahrhunderts.
Der Pierrot im Pariser Theater des 19. Jahrhunderts
Die moderne Gestalt des Pierrot ist jedoch ohne Paris nicht zu verstehen. Entscheidenden Einfluss hatte das Théâtre des Funambules und vor allem die Darstellung des Pierrot durch Jean-Gaspard Deburau. Mit Deburau erhielt die Figur im 19. Jahrhundert jene Prägung, die bis heute nachwirkt.
Jules Janin schrieb 1832 in seinem Buch „Deburau“, dieser habe aus dem Pierrot eine Gestalt von eigener Poesie gemacht, „zugleich komisch und rührend“.
„… une figure à la fois comique et touchante“ beziehungsweise in der deutschen Wiedergabe: „zugleich komisch und rührend“
Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie den entscheidenden Wandel der Figur benennt. Deburaus Pierrot war nicht mehr nur der burleske Diener, sondern eine poetische Bühnenfigur, mit weissem Gewand, stiller Körperlichkeit und jener Mischung aus Naivität, Verletzlichkeit und leiser Ironie, die später so einflussreich werden sollte.
Auch die spätere Theatergeschichtsschreibung hält genau diesen Punkt fest. Karl Mantzius beschreibt in „A History of Theatrical Art“ (1903–1904) die Entwicklung der europäischen Bühnenfiguren und macht deutlich, dass der französische Pierrot eine andere Wirkung besitzt als die derberen italienischen Typen. Deburau wurde so zum Modell eines neuen Pierrot-Typus, dessen Nachwirkung weit über Frankreich hinausreichte.
Gerade hier liegt der Grund, weshalb moderne Erklärungen den Basler Pierrot oft eher mit dem Pierrot des frühen 19. Jahrhunderts verbinden als mit den ältesten italienischen Vorformen. Das schwarze Käppchen, die helle Erscheinung und die melancholisch-poetische Wirkung passen auffallend gut zu dieser Deburau-Tradition. Der Basler Pierrot ist also nicht einfach ein übernommener Pedrolino, sondern eine Figur, die eher aus der französisch geprägten Weiterentwicklung des älteren Theaters hervorgegangen ist.
Auch die kunstgeschichtliche Rezeption des 19. Jahrhunderts verstärkt diese Linie. Der Pierrot wird dort immer häufiger als stille, weisse, melancholische Gestalt gelesen. Das ist für Basel nicht nebensächlich. Es erklärt, warum gerade diese Figur so anschlussfähig wurde und weshalb ihre Basler Ausprägung bis heute weniger satirisch als atmosphärisch wirkt.

Wie der Pierrot an die Basler Fasnacht gelangte
Die Übernahme von Theaterfiguren in die Fasnacht ist kein Sonderfall, sondern gehört zur europäischen Festkultur überhaupt. Auch in Basel wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche Figuren und Larven übernommen, die nicht ursprünglich aus der lokalen Tradition stammten.
In meinem Beitrag über die Geschichte der Basler Künstlerlarven ist nachzulesen, dass im Basler Fasnachtsbild lange Zeit importierte Figuren dominierten, darunter Bajazzos, Dominos und eben auch Pierrots. Genau in diesem Umfeld ist der Pierrot an der Basler Fasnacht zu verorten. Er kam nicht als isoliertes Einzelphänomen, sondern als Teil einer grösseren Bewegung, in der Theater- und Karnevalsfiguren in die Basler Strassenfasnacht einwanderten.
Gerade deshalb darf man den Pierrot nicht gegen die Basler Fasnacht ausspielen, als wäre er bloss „fremd“. Historisch ist es vielmehr so, dass Basel solche Figuren aufnahm, umformte und schliesslich in die eigene Tradition einbaute. Der Pierrot wurde also nicht einfach übernommen, sondern baslerisch gemacht.
Die grosse Beliebtheit des Pierrot in Basel
Wie stark diese Basler Aneignung war, zeigt besonders das frühe 20. Jahrhundert. Beat Trachsler hält fest, dass das Pierrotkostüm in den 1920er Jahren „überaus beliebt“ gewesen sein müsse. Dabei beruft er sich auf die National-Zeitung vom 22. Februar 1924, in der sogar von einer regelrechten „Pierrot-Manie“ gesprochen worden sei.
„… in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts muss das Pierrotkostüm überaus beliebt gewesen sein …“
„… eine regelrechte ‚Pierrot-Manie‘ …“

Die Figur des Pierrot als Basler "Stadtplage"
(Die Figur des Pierrot ist eine...) ..."Stadtplage"
Gerade hier lohnt sich die breitere Formulierung, denn das Wort allein wäre tatsächlich zu knapp. Trachsler macht deutlich, dass der Pierrot damals so präsent war, dass die Zeitung diese Häufung eigens benannte. Sinngemäss war das Fasnachtsbild jener Jahre von Pierrots in grosser Zahl geprägt. Dass sich dafür das Wort „Pierrot-Manie“ einbürgerte, zeigt, wie deutlich diese Präsenz auch zeitgenössisch wahrgenommen wurde.
Auch die Plaketten und andere Bildzeugnisse, auf die Trachsler verweist, unterstreichen diese Beliebtheit. Der Pierrot war also im Basel des frühen 20. Jahrhunderts keine Randfigur, sondern eine ausgesprochen sichtbare Erscheinung.
Der Pierrot ist keine museale Figur, sondern eine gelebte Form.
„futuristischen und phantastischen Pierrots und Pierretten“
"Pierrotseuche"
Die ausserordentliche Präsenz des Pierrot in Basel lässt sich offenbar noch schärfer formulieren, als es der bereits zitierte Hinweis auf die „Pierrot-Manie“ vermuten lässt. In den Zeitungen Anfangs 20-Jahrhunderts und älterer Literatur erscheint der Pierrot sogar als eigentliche „Stadtplage“; zugleich ist dort von „futuristischen und phantastischen Pierrots und Pierretten“ die Rede, und aus dem Umfeld der Maskenbälle wird sogar der Ausdruck „Pierrotseuche“ überliefert.
Der Pierrot war im Basel jener Jahre nicht nur beliebt, sondern geradezu massenhaft präsent.
Die Nationalzeitung schrieb 1923, dass der Pierrot nicht mehr so dominant ist, als in früheren Jahren.
Der Pierrot im heutigen Fasnachtsgeschehen
Der Pierrot gehört jedoch nicht nur der Vergangenheit an. Auch heute lebt die Figur an der Basler Fasnacht weiter. Man begegnet ihr bei grossen Cliquen, kleinen Dienstagsgrüppchen, Schissdräggzügli und als Einzelmasken. Gerade das ist wichtig: Der Pierrot ist keine museale Figur, sondern eine gelebte Form.
Ein besonders bekanntes Beispiel ist der Dupf-Club, der am am Fasnachtsdienstag seit jeher sein charakteristisches Stammkostüm, eben einen Pierrot, trägt. Dort wird ausdrücklich hervorgehoben, dass der Club auf dieses seit den 1950er Jahren gepflegte Markenzeichen stolz ist und dass zur Erscheinung die Pfauenfeder gehört. Das ist stark, weil damit die Pfauenfeder nicht nur als Kostümdetail, sondern als lebendige Basler Tradition bestätigt wird.
Die Website des Dupf-Club Basel ergänzt dieses Bild. Dort wird der "Pierrot-Oobe am Fasnachtszischtig" ausdrücklich als fester Agendapunkt der Clique genannt. Das ist für die heutige Praxis wichtig, weil es zeigt, dass der Pierrot hier nicht nur als Erinnerung gepflegt wird, sondern als konkret gelebte Form.
Hinzu kommt, dass die Figur auch im Namen einer Basler Clique weiterlebt. Die Pierrot-Clique wurde 1971 gegründet. Schon dieser Name zeigt, wie fest die Figur im fasnächtlichen Bild verankert war und ist. Und selbst in der Basler Fasnachtsmusik lebt sie fort: Im offiziellen Marschrepertoire ist ein Stück mit dem Titel „Pierrot“ aufgeführt. Damit wirkt die Figur heute nicht nur im Strassenbild, sondern auch in der musikalischen und vereinsgeschichtlichen Kultur der Basler Fasnacht weiter.

Auch bei der Fasnachtsgesellschaft Olympia ist der Pierrot bis heute sichtbar präsent. Die 1908 gegründete Gesellschaft führt den Pierrot in ihrem Signet, was nicht nur auf der offiziellen Website der Olympia zu sehen ist, sondern auch ausserhalb der Gesellschaft ausdrücklich so beschrieben wurde. In einem Bericht der bz Basel wird festgehalten, den Pierrot finde man „auch im Logo“ der Olympia. Damit ist die Figur nicht nur als Kostüm- oder Larventypus im Basler Fasnachtsgeschehen verankert, sondern auch als dauerhaftes Zeichen einer traditionsreichen Basler Fasnachtsgesellschaft. Warum gerade der Pierrot seit der Gründung von 1908 als Signet gewählt wurde, liess sich in den frei zugänglichen Quellen bislang nicht eindeutig belegen; fest steht jedoch, dass die Figur im Selbstbild der Olympia bis heute eine sichtbare Rolle spielt.

Der Pierrot, kurz und bündig
Der Pierrot ist an der Basler Fasnacht weit mehr als ein schönes weisses Kostüm mit melancholischer Larve. In ihm begegnen sich mehrere geschichtliche Schichten zugleich. Da ist zunächst die ältere europäische Theaterwelt mit Commedia dell’arte, Pedrolino, Harlekin und Polichinell. Dann kommt die französische Umformung hinzu, besonders die Pariser Prägung des 19. Jahrhunderts durch Deburau. Und schliesslich steht die Basler Fasnacht, die diese Figur aufnimmt, verändert und in die eigene Figurenwelt einfügt.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf den Pierrot. Er zeigt beispielhaft, wie die Basler Fasnacht nicht nur lokales Brauchtum bewahrt, sondern europäische Kulturgeschichte in sich aufgenommen und neu geformt hat. Der Pierrot ist in diesem Sinn nicht nur eine klassische Basler Fasnachtsfigur, sondern auch ein Stück gelebter Theatergeschichte in der Basler Fasnacht.

Zeitlinie – die Entwicklung des Pierrot im Überblick
Antike und ältere europäische Komik
Frühe Wurzeln komischer Figurentypen
Ältere Historike wie Karl Friedrich Flögel sahen die komischen Typen der italienischen Bühne in einer langen Traditionslinie, die bis zu antiken Possen- und Mimusfiguren zurückreiche. Auch wenn solche Ableitungen heute mit Vorsicht gelesen werden müssen, zeigen sie doch, dass der Pierrot schon früh als Teil einer grösseren europäischen Komödiengeschichte verstanden wurde.
16. bis 18. Jahrhundert
Die Commedia dell’arte und die Vorstufen des PierrotIn der italienischen Commedia dell’arte bilden sich feste Figuren heraus, darunter Pulcinella, Harlekin und Pedrolino. Gerade Pedrolino gilt als wichtigste Vorstufe des späteren Pierrot. Autoren wie Luigi Riccoboni beschreiben diese Theaterwelt als System fester Typen, die über längere Zeit hinweg erkennbar bleiben.
1684–1697
Joseph Giaraton von Ferrara spielt den Pierrot mit Erfolg
Nach einer von Karl Friedrich Flögel überlieferten Darstellung wurde der Pierrot in diesen Jahren von Joseph Giaraton von Ferrara sowohl in Frankreich als auch in Italien mit grossem Erfolg gespielt. Damit erscheint die Figur früh nicht nur als theoretischer Rollentyp, sondern als konkrete Bühnenfigur mit eigener Wirkungsgeschichte.
1728
Riccoboni beschreibt die italienische Theaterwelt in Frankreich
Mit Luigi Riccobonis Werk „Histoire du théâtre italien“ liegt eine frühe grundlegende Darstellung jener Figurenwelt vor, aus der sich der spätere Pierrot entwickelt. Besonders wichtig ist dabei die enge Verbindung zwischen italienischer Theatertradition und französischer Bühne.
19. Jahrhundert
Aus Pedrolino wird Pierrot
Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verändert sich Pedrolino im französischen Theater zum Pierrot. Autoren wie Michele Scherillo und Winifred Smith beschreiben die Figur bereits als weniger grotesk, weniger derb und deutlich empfindsamer als andere clowneske Typen der älteren Komödie.
1832
Jules Janin beschreibt Deburaus poetischen Pierrot
In „Deburau“ beschreibt Jules Janin den von Jean-Gaspard Deburau gespielten Pierrot als eine Figur, die zugleich komisch und rührend sei. Damit wird der Pierrot endgültig vom blossen Possenreisser zur poetischen Bühnenfigur des 19. Jahrhunderts.
1860
Maurice Sand nennt den Pierrot den „Träumer der italienischen Komödie“
Mit Maurice Sands „Masques et Bouffons“ wird die weichere, träumerische Seite des Pierrot besonders deutlich hervorgehoben. Diese Deutung ist wichtig, weil sie bereits jene Wirkung benennt, die später auch mit dem Basler Pierrot verbunden wird.
1862
Flögel beschreibt den Pierrot als Produkt einer älteren Figurenwelt
In „Geschichte des Grotesk-Komischen“ erklärt Karl Friedrich Flögel, der Pierrot sei aus einer Verbindung von Elementen des Polichinell und des Harlekins hervorgegangen. Damit wird die Figur als Ergebnis einer längeren Theaterentwicklung sichtbar.
19. Jahrhundert in Basel
Importierte Figuren finden Eingang in die Basler Fasnacht
Auch in Basel werden im 19. Jahrhundert zahlreiche Figuren aus Theater, Maskenball und europäischer Festkultur übernommen. Dazu gehören Bajazzo, Domino und eben auch der Pierrot. In diesem Umfeld beginnt die Figur sich im Basler Fasnachtsbild zu verankern.
Um 1900 bis frühe 1930er Jahre
Der Pierrot wird in Basel zu einem der beliebtesten Kostüme
Nach späteren Zusammenfassungen älterer Quellen gehörte der Pierrot in Basel in dieser Zeit zu den beliebtesten Kostümen auf der Strasse und noch stärker am Maskenball. Gleichzeitig wandelte sich die Erscheinung der Figur: Der Pierrot blieb in Basel nicht einfach nur weiss, sondern wurde farbiger, Pompons ersetzten ältere Knopfformen, und Calotte, Feder und Halskrause wurden immer prägender.
1908
Die Olympia führt den Pierrot im Signet (Fallbeispiel)
Mit der Gründung der Fasnachtsgesellschaft Olympia im Jahr 1908 ist der Pierrot nicht nur als Figur im Strassenbild, sondern auch als dauerhaftes Zeichen einer Basler Fasnachtsgesellschaft greifbar. Das Signet der Olympia zeigt den Pierrot bis heute.
1913
Früher Basler Kontext bei Paul Rudolf Koelner
Mit Paul Rudolf Koelners Schrift „Die Basler Fastnacht“ ist der historische Basler Rahmen der Figurenwelt im frühen 20. Jahrhundert dokumentiert. Der Pierrot ist damit spätestens in dieser Zeit im Basler Kontext greifbar.
1920er Jahre
Der Pierrot wird zur Massenerscheinung in Basel
Nach Beat Trachsler war das Pierrotkostüm in Basel in den 1920er Jahren überaus beliebt. Ein Bericht der National-Zeitung vom 22. Februar 1924 sprach sogar von einer „Pierrot-Manie“. Aus später exzerpierten Notizen ergibt sich darüber hinaus, dass der Pierrot zeitgenössisch offenbar sogar als „Stadtplage“ und im Umfeld der Maskenbälle als „Pierrotseuche“ beschrieben wurde. Diese Formulierungen sprechen für eine aussergewöhnliche Präsenz der Figur im Basel jener Jahre.
20. Jahrhundert
Der Pierrot wird zur klassischen Basler Fasnachtsfigur
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verfestigt sich der Pierrot als klar erkennbare Basler Fasnachtsfigur. Larve, Kostüm, Filzkäppi, Pfauenfeder, Pompons und Halskrause werden zu typischen Merkmalen der Basler Ausprägung.
Seit den 1950er Jahren
Der Pierrot als gelebtes Stammkostüm des Dupf-Clubs (Fallbeispiel)
Der Dupf-Club pflegt seit Jahrzehnten das Pierrotkostüm als feste Tradition am Fasnachtsdienstag. Gerade die Pfauenfeder wird dabei als charakteristisches Merkmal der Figur bis heute weitergetragen.
1971
Gründung der Pierrot-Clique
Mit der Pierrot-Clique, gegründet 1971, lebt die Figur nicht nur im Strassenbild, sondern auch im Namen einer Basler Fasnachtsformation weiter.
1980er Jahre
Kleinere Renaissance der Figur
Nach späteren Zusammenfassungen älterer Beobachtungen erlebte der Pierrot in den 1980er Jahren nochmals eine Renaissance, wenn auch deutlich bescheidener als in den 1920er Jahren. Auch dies spricht dafür, dass die Figur in Basel immer wieder neu aufgegriffen wurde.
Heute
Der Pierrot bleibt lebendige Basler Fasnacht
Der Pierrot ist auch heute noch an der Basler Fasnacht präsent – bei Cliquen, Dienstagsgrüppchen, Schissdräggzügli und Einzelmasken. Er ist damit nicht nur eine historische Figur, sondern eine bis heute gelebte Form innerhalb der klassischen Basler Fasnachtsfiguren.
Mein Dank an
Meinen Vater, Roman Peter, für das Wecken des Interesses, lange lange Zeit vor diesem Artikel - ebenfalls Danke für deine Buchzeichen und Notizen, deine ganze Recherche. Ebenfalls Danke an alle Autoren, Journalisten und Historiker, deren Bücher hier in den Quellen aufgelistet sind, und in ihren Arbeiten einzigartige Einblicke liefern. Und natürlich ein grosses Dankeschön an Sie, lieber Leser. Ich hoffe die klassische Basler Fasnachtsfigur, der Pierrot, wird noch lange erhalten bleiben.
Quellen
Literatur
Luigi Riccoboni: Histoire du théâtre italien depuis la décadence de la comédie latine. Paris, 1728.
Jules Janin: Deburau. Histoire du théâtre à quatre sous. Paris, 1832.
Maurice Sand: Masques et Bouffons. Comédie italienne. Paris, 1860.
Karl Friedrich Flögel: Geschichte des Grotesk-Komischen. Leipzig, 1862.
Michele Scherillo: La Commedia dell’Arte. 1884.
Karl Mantzius: A History of Theatrical Art. London, 1903–1904.
Winifred Smith: Commedia dell’arte. New York, 1912.
Paul Rudolf Koelner: Die Basler Fastnacht. In: Basler Jahrbuch, 1913.
National-Zeitung (Basel): 22. Februar 1924
National-Zeitung (Basel): 1923
Eugen A. Meier: Die Basler Fasnacht. Basel, 1985.
Werner Mezger: Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Studien zum Fortleben des Mittelalters in der europäischen Festkultur. Konstanz, 1991.
Beat Trachsler: Vom Narr zum Ueli – Tradition und Wandel von Basler Fasnachtsfiguren. Basel, 2004. Unter Einbezug von Roman Peter.
Onlinequellen und aktuelle Belege
Bastian Peter: Die Geschichte der Basler Künstlerlarve. Atelier Charivari.https://www.ateliercharivari.com/post/die-geschichte-der-basler-künstlerlarve
Fasnacht.ch: „Dupf-Club: Gefeiert wird mit Pfauenfeder.“https://fasnacht.ch/dupf-club-gefeiert-wird-mit-pfauenfeder/
Dupf-Club Basel: Offizielle Website / Stamm / Geschichte.https://dupf-club.chhttps://dupf-club.ch/de/geschichte/https://dupf-club.ch/stamm-dupf-club/
Fasnachtsgesellschaft Olympia 1908: Offizielle Website / Geschichte.https://www.olympia1908.ch/
Fasnachtsgesellschaft Olympia 1908: „Goldigi Trummle vo dr Olympia“.https://www.olympia1908.ch/gold
bz Basel: „Zwei Cliquen, gleicher Look: Das Resultat einer geheimen Operation“.https://www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/zwei-cliquen-gleicher-look-das-resultat-einer-geheimen-operation-ld.1676514
Pierrot-Clique Basel: Offizielle Website.https://pierrotclique.ch
Offiziells – Fasnachts-Comité Basel: Marschrepertoire Solo/Duo 2026.https://www.offiziells.ch/wp-content/uploads/informationen/Marschrepertoire_SoloDuo_2026_gut_zum_Druck.pdf
Pfyffersyte: Aufnahme des Marsches „Pierrot“.https://www.pfyffersyte.ch/mp3/pierrot.mp3





















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