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Der Stänzler – Herkunft, Larve und Kostüm der klassischen Basler Fasnachtsfigur

  • Autorenbild: Bastian Peter
    Bastian Peter
  • 3. Aug.
  • 21 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Der Stänzler - Kostüm, Larve und Herkunft - Tafel gezeichnet und zusammengestellt von Roman Peter, Larven Atelier Charivari

Geschichte und Entwicklung einer besonders baslerischen Fasnachtsfigur


Unter den klassischen Basler Fasnachtsfiguren nimmt der Stänzler eine besondere Stellung ein. Während der Pierrot aus einer europäischen Theatertradition nach Basel gelangte und der Waggis aus dem Bild des Elsässer Bauern geformt wurde, führt die Spur des Stänzlers direkt in die Basler Stadtgeschichte. Hinter der Uniformfigur stehen die frühere Stadtgarnison, die Standeskompagnie und die Standestruppe – also Männer, die Tore und öffentliche Gebäude bewachten, Fremde kontrollierten, nachts patrouillierten, bei Bränden halfen und in politischen Krisen auch als Soldaten eingesetzt wurden.


Gerade diese Doppelrolle macht die Figur spannender, als es ihr klarer Auftritt zunächst vermuten lässt. War der Stänzler Soldat oder Polizist? Ist die bekannte Uniform der Basler Mittwoch-Gesellschaft wirklich die alte Uniform der Standeskompagnie? Und wie entstand aus dem wenig beliebten Berufssoldaten eine Fasnachtsfigur mit kräftigem Schnauz, markanter Nase und strengem Blick? Die Quellen geben darauf erstaunlich genaue Antworten – allerdings nicht immer dieselben.


Kurz erklärt: Der Stänzler ist eine klassische Basler Fasnachtsfigur, die auf die Basler Standeskompagnie und die spätere Standestruppe des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Historisch war er Berufssoldat in einer militärisch organisierten Truppe; sein täglicher Dienst bestand jedoch zu einem grossen Teil aus Wach-, Sicherheits-, Polizei- und Feuerwehraufgaben. Seit 1922 ist die Figur besonders eng mit der Basler Mittwoch-Gesellschaft 1907, kurz BMG, verbunden.



Gerahmt und historisch: Morgenstreichs von 1843 nach Hieronymus Hess aus der Sammlung des Larven Ateliers Charivari, Basel
Gerahmtes Exemplar der Darstellung „Morgenstreich in Basel“ von Hieronymus Hess, 1843. Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.
Basler Morgenstreich von 1843 nach Hieronymus Hess mit Fackelträgern, Trommlern und einer uniformierten Figur in einer Strassenszene

Inhalt


Der Stänzler, einfach erklärt

Im historischen Basel nannte man die Soldaten der 1804 gegründeten Standeskompagnie und später auch der Standestruppe im Volksmund Stänzler. Es handelte sich um eine angeworbene, besoldete und bewaffnete Truppe. Anders als die Bürger der Miliz standen ihre Angehörigen dauerhaft im Dienst der Stadt. Sie wohnten in der Blömleinkaserne, bewachten Tore und öffentliche Gebäude und wurden dort eingesetzt, wo Basel eine verlässliche, jederzeit verfügbare Mannschaft brauchte.


Die heutige Fasnachtsfigur ist keine exakte Rekonstruktion eines einzelnen Soldaten aus einem bestimmten Jahr. Sie ist eine über Jahrzehnte gewachsene baslerische Verdichtung dieser Geschichte. Uniform, Tschako, Schnauz und Larve machen aus dem historischen Standessoldaten einen klar erkennbaren Typus. An der heutigen Fasnacht ist der Stänzler eher selten geworden; wenn er erscheint, findet man ihn oft im Vortrab, als Fähnrich, Tambourmajor, Pfeifer oder Tambour.


Für mich ist er gerade deshalb eine der interessantesten klassischen Figuren. Beim Stänzler begegnen sich reale Stadtgeschichte und fasnächtliche Überzeichnung besonders unmittelbar. Hinter der Larve steht nicht irgendein erfundener Soldat, sondern eine Institution, über die der Basler Rat jahrzehntelang stritt und die im Alltag der Stadt sichtbar, nützlich, teuer und nicht immer beliebt war.


Der Stänzler mit Larve und Kostüm. Hier als Tambourmajor des Oylmper Zischtigszügli an der Basler Fasnacht im Jahr 1948. (Foto aus der Sammlung, Larven Atelier Charivari)
Der Stänzler mit Larve und Kostüm. Hier als Tambourmajor des Oylmper Zischtigszügli an der Basler Fasnacht im Jahr 1948. (Foto aus der Sammlung, Larven Atelier Charivari)

Soldat oder Polizist?

Die historisch sauberste Antwort lautet: Der Stänzler war ein Berufssoldat in einer militärisch organisierten Truppe, erfüllte im Basler Alltag aber viele Aufgaben, die heute Polizei, Objektschutz, Einwohnerkontrolle und Feuerwehr übernehmen würden. Er war somit weder bloss Feldsoldat noch bereits ein Polizist im heutigen Sinn.


Seine militärische Seite ist eindeutig. Die Standeskompagnie trug Uniform und Waffen, exerzierte, stand unter einem Kommando und konnte in einer Krise zum Kampfeinsatz herangezogen werden. Während der Trennungswirren zwischen Stadt und Landschaft geschah genau das. Zugleich bestand der normale Tagesdienst nicht aus Feldzügen, sondern aus Stadtwache, Kontrolle und Ordnung: Die Stänzler standen an den Toren, beim Rathaus, am Zeughaus, in der Kaserne und an der Rheinbrücke. Sie kontrollierten Reisende, patrouillierten nachts, bewachten Waren und wurden an der Feuerspritze ausgebildet.


Wie stark sich beide Bereiche überschnitten, zeigt eine Basler Debatte aus dem Jahr 1824. Kritiker hielten der Standeskompagnie vor, sie leiste in polizeilicher Hinsicht zu wenig und benehme sich nicht gerade vorbildlich. Der damalige Polizeidirektor Oberst Wieland verteidigte dagegen eine militärisch organisierte und streng disziplinierte Truppe als unentbehrlich für den Sicherheitsdienst. Schon die damalige Diskussion lässt sich also nicht sauber in „Militär“ oder „Polizei“ aufteilen.


„Die Stänzler waren also Nachtwächter, Objektschützer, Fremdenpolizisten und Feuerwehrmänner in einem.“

Diese Zusammenfassung aus dem historischen BMG-Beitrag trifft die tägliche Funktion sehr gut. Bei der Einordnung sollte man trotzdem nicht rückwirkend aus jedem Stänzler einen modernen Polizisten machen. Die Stadt verfügte auch über andere Sicherheitsorgane, darunter das Landjägerkorps. Erst nach der endgültigen Auflösung der Standestruppe im Jahr 1856 gingen deren Aufgaben an die Landjäger über, aus deren Entwicklung das spätere Basler Polizeikorps hervorging.


Kurz gesagt: militärisch nach Organisation, Status, Bewaffnung und möglichem Kampfeinsatz – überwiegend polizeilich und städtisch im alltäglichen Dienst.


Historische Sepiazeichnung von Hieronymus Hess mit einer Gruppe uniformierter Männer in hohen Hüten und einer hervortretenden Figur im Vordergrund.
Hieronymus Hess (1799–1850): Gruppe uniformierter Männer, Titel, dargestellte Situation und Datierung bislang ungeklärt. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.

Nahaufnahme: Historische Sepiazeichnung von Hieronymus Hess mit einer Gruppe uniformierter Männer in hohen Hüten und einer hervortretenden Figur im Vordergrund.
Nahaufnahme: Hieronymus Hess (1799–1850): Gruppe uniformierter Männer, Titel, dargestellte Situation und Datierung bislang ungeklärt. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.


Von der Stadtgarnison zur Standeskompagnie

Die Vorgeschichte beginnt nicht erst 1804. Zu Beginn der 1620er-Jahre rückten im Dreissigjährigen Krieg fremde Truppen bedrohlich nahe an Basel heran. Der Rat stellte mehrere hundert Söldner zum Schutz der Stadt an. Aus dieser angeworbenen Mannschaft entwickelte sich die Basler Stadtgarnison, die nach dem Krieg auf ungefähr siebzig bis hundert Mann verkleinert wurde und vor allem den Wachdienst an den Toren übernahm.


1691 richtete Basel Unterkünfte für die Soldaten in ehemaligen Klöstern ein. Dazu gehörte das „Blömlein“, das frühere Kloster der Reuerinnen in den Steinen. Später wurde nur noch diese Blömleinkaserne genutzt. 1692 bewilligte der Rat die Anfertigung eigentlicher Uniformen für die Stadtgarnison. Damit wurde die Truppe nicht nur organisatorisch, sondern auch im Stadtbild klarer erkennbar.


Mit der Helvetischen Revolution änderte sich die Lage. Am 24. Oktober 1798 marschierten französische Truppen in Basel ein und übernahmen die Torwachen sowie die Torschlüssel. Die alte Stadtgarnison verlor damit ihre wichtigste Aufgabe und verschwand 1799. Als die französischen Truppen Basel 1804 wieder verliessen, schuf der Kanton unverzüglich eine neue angeworbene Truppe: die Standeskompagnie.


Ihre gesetzliche Sollstärke betrug 200 Mann und wurde im Herbst 1805 erstmals erreicht. Die Rekruten mussten Schweizer Bürger, ledig und protestantisch sein, zwischen 16 und 36 Jahre alt und mindestens ungefähr 1,65 Meter gross. Verpflichtet wurden sie für zwei oder vier Jahre. Im Volksmund hiessen diese Männer Stänzler. Eine genaue zeitgenössische Erklärung, wie sich der Name sprachlich bildete, liefern die von mir geprüften Quellen nicht; sicher belegt ist jedoch seine Verwendung für die Soldaten der Standeskompagnie.


Angehörige der Basler Standestruppe mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten vor dem Kleinbasler Ketzerturm, spätestens 1856.
Eine Abteilung der Basler Standestruppe vor dem Kleinbasler Ketzerturm, anonyme Fotografie, spätestens 1856. Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 8-46-4; Bilddaten gemeinfrei.


Wachdienst, Fremdenkontrolle und Feuerwache

Das Pflichtenheft der Standeskompagnie zeigt, wie sehr der Stänzler zum Alltag der ummauerten Stadt gehörte. Posten standen an den sieben Stadttoren, beim Rathaus, beim Zeughaus, in der Kaserne und an der Rheinbrücke. Die Torwachen mussten verdächtige oder fremde Personen anhalten und dem Torschreiber zuführen, damit Pässe und Wanderbücher geprüft werden konnten. Besondere Aufmerksamkeit galt Reisenden ohne Gepäck und jenen, die erst in der Dämmerung eintrafen.


Am Abend schlossen die Stänzler nach dem Läuten der Torglocke die Tore. Der Postenchef hatte zu kontrollieren, ob Riegel, Schlösser und Barrieren wirklich gesichert waren. Beim Kaufhaus bewachten sie abgestellte Wagen und Waren. Auch das Rauchen an gefährdeten Orten war ein Thema. Auf der hölzernen Rheinbrücke sollten Reiter weder traben noch galoppieren, schwer beladene Wagen durften nicht anhalten, und geraucht werden durfte ebenfalls nicht.


Hinzu kam die Fremdenkontrolle in den Gasthäusern. Jeden Abend absolvierte ein Mann die sogenannte Pintenkehr und sammelte die Namenslisten der Übernachtungsgäste ein. Nächtliche Patrouillen hatten still zu gehen, mussten aber jeden Passanten anrufen. An Markttagen wurden Posten beim Kornhaus und beim Fischmarkt aufgestellt; an Sonn- und Festtagen hatte die Mannschaft für Ruhe zu sorgen.


Auch bei Bränden war die Truppe eingeplant. Die Stänzler wurden im Umgang mit der Feuerspritze geschult. Das war in einer dicht bebauten Stadt mit viel Holz keine Nebensache. Ihr Alltag verband deshalb militärische Bereitschaft mit Aufgaben, die heute auf mehrere zivile Behörden und Einsatzorganisationen verteilt wären.


Kolorierte Lithografie „Ehemals“ nach Hieronymus Hess mit einer strickenden Basler Schildwache in blauer Uniform und angelehntem Gewehr.
Nach Hieronymus Hess (1799–1850): „Ehemals“, auch als „Strickende Schildwache“ bezeichnet, kolorierte Lithografie. Auf dem Blatt werden Hess als Vorlagenzeichner, Hasler & Cie. in Basel als Herausgeber und N. Weiss als Lithograf genannt. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.

Nahaufnahme: Kolorierte Lithografie „Ehemals“ nach Hieronymus Hess mit einer strickenden Basler Schildwache in blauer Uniform und angelehntem Gewehr.
Nahaufnahme: Nach Hieronymus Hess (1799–1850): „Ehemals“, auch als „Strickende Schildwache“ bezeichnet, kolorierte Lithografie. Auf dem Blatt werden Hess als Vorlagenzeichner, Hasler & Cie. in Basel als Herausgeber und N. Weiss als Lithograf genannt. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.

Wenn nachts eine Hebamme gebraucht wurde

Eine kleine Geschichte vom Stadttor macht diese Funktion anschaulicher als jede abstrakte Amtsbeschreibung. Die Basler Tore wurden nachts geschlossen, im Winter teilweise schon am frühen Abend. Die Schlüssel bestimmter Tore mussten beim Platzkommando abgeliefert werden. Wer später hinein- oder hinauswollte, konnte also nicht einfach anklopfen und weitergehen.


Wurde ausserhalb der Stadt dringend ein Pfarrer, ein Wundarzt oder eine Hebamme gebraucht, musste der Bote zunächst vor dem Tor warten. Der wachhabende Stänzler holte den Schlüssel beim Platzkommando und begleitete den Mann anschliessend durch die Stadt. Eine lokale Darstellung kommentiert das trocken:


„Schliesslich konnte jeder sagen, dass er zur Hebamme müsse!“

Die Pointe ist amüsant, dahinter stand aber eine ernsthafte Kontrollaufgabe. In einer Stadt mit geschlossenen Toren entschied die Wache darüber, wer sich nachts bewegen durfte. Der Stänzler war damit nicht nur Uniformträger, sondern ganz praktisch ein Teil der Grenze zwischen drinnen und draussen.


Ein harter Dienst und ein schlechter Ruf

Das Leben in der Blömleinkaserne war wenig komfortabel. Nach späteren Darstellungen mussten sich zeitweise zwei Soldaten ein Bett teilen; erst gegen Ende der 1840er-Jahre erhielt jeder ein eigenes Nachtlager. Der Sold war nicht besonders hoch, weshalb Stänzler in ihrer Freizeit kleinere Arbeiten für die Bevölkerung übernahmen. Hausarbeiten, Botengänge oder Teppichklopfen passten jedoch schlecht zum stolzen Bild einer uniformierten Truppe und verstärkten den Spott.


Berufssoldaten genossen im bürgerlichen Basel ohnehin kein hohes Ansehen. Der Basler Bürger leistete seinen Militärdienst in der Miliz und blickte häufig auf jene Männer herab, die das Kriegshandwerk gegen Lohn ausübten. In den überlieferten Berichten erscheinen die Stänzler deshalb oft als rau, trinkfest und wenig diszipliniert. Eine besonders drastische Spottformulierung behauptete sogar, vor einem anmarschierenden Trupp sei zuerst der Schnapsdunst wahrzunehmen gewesen.


Solche Aussagen sind nicht als nüchterne Beschreibung jedes einzelnen Soldaten zu lesen. Sie zeigen vor allem, welches Bild die Bevölkerung von der Truppe pflegte. Für die spätere Fasnachtsfigur ist genau dieser Ruf wichtig: Der Stänzler wurde nicht zum makellosen Helden, sondern zu einem widersprüchlichen Typus zwischen Obrigkeit, militärischem Stolz, Wirtshaus und öffentlichem Spott. Die Trinker-Nase und der mächtige Schnauz der Larve knüpfen an diese Karikatur an.


Kolorierte Lithografie „Ab der Wacht“ nach Hieronymus Hess mit einem karikierten Soldaten, Gewehr und abgenommenem Tschako vor einem Wachgebäude
Hieronymus Hess (1799–1850): „Ab der Wacht“, kolorierte Lithografie nach einer Vorlage von Hess. Auf dem Blatt werden Hasler & Cie. in Basel sowie N. Weiss als Lithograf genannt. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.

Kampfeinsatz, Desertion und das Ende der Truppe

Während der politischen Wirren um die Basler Kantonstrennung wuchs die Standeskompagnie stark an. 1831 zählte sie ungefähr 290, 1833 sogar rund 390 Mann. Am 3. August 1833 wurde sie militärisch eingesetzt und trug einen wesentlichen Teil der Kämpfe im Raum Pratteln–Frenkendorf. Die Auseinandersetzung ist bis heute unter dem Namen „Schlacht an der Hülftenschanze“ bekannt. Eine detaillierte Rekonstruktion von Roger Jean Rebmann aus dem Jahr 2012 unterscheidet jedoch genauer: Die eigentliche Hülftenschanze war von den Baselbietern geräumt und von den Baslern ohne Gefecht besetzt worden; die verlustreichen Angriffe der Stänzler richteten sich anschliessend gegen die Schanze bei der Griengrube. In diesem Artikel wird deshalb für den eigentlichen Kampfplatz die genauere Bezeichnung Griengrube verwendet.


Nach der Niederlage wurde die Standeskompagnie auf eidgenössischen Befehl entwaffnet und aufgelöst. Bereits Ende 1833 baute Basel jedoch eine neue Garnison auf, nun unter dem Namen Standestruppe. Ein Gesetz vom 4. Februar 1834 legte ihren Bestand auf 201 Mann fest. Sie übernahm erneut Wach-, Sicherheits- und Ehrendienste.


Auch diese Truppe blieb umstritten. 1848 kam es wegen der Anwerbung von Ausländern zu einer Meuterei; die Mannschaft wurde entwaffnet, 113 Mann wurden entlassen und der Rest provisorisch wieder angeworben. Im März 1851 stand eine erneute Auflösung konkret zur Diskussion. Das Allgemeine Intelligenzblatt der Stadt Basel meldete, die Regierung beabsichtige, die Standestruppe aufzulösen und den Sicherheits- und Polizeidienst einem entsprechend vergrösserten Landjägerkorps zu übertragen. Zugleich hielt die Meldung ausdrücklich fest, dass die neue Organisation noch nicht bestimmt sei und die Frage erst vor den Grossen Rat komme. Dort fand die Aufhebung keine Mehrheit. Die personellen Probleme blieben bestehen: Zwischen Februar und Ende November 1855 desertierten nach Hans-Peter Meyer 73 Mann.


Zeitungsausschnitt aus dem Allgemeinen Intelligenzblatt der Stadt Basel vom 17. März 1851 zur geplanten Auflösung der Basler Standestruppe
Zeitgenössische Meldung über die 1851 geplante, aber noch nicht beschlossene Auflösung der Basler Standestruppe. Allgemeines Intelligenzblatt der Stadt Basel, 7. Jahrgang, Nr. 64, 17. März 1851, S. 1, rechte Spalte. Foto: Bastian Peter, 2026. Original: Sammlung Larven Atelier Charivari.

Nahaufnahme: Zeitungsausschnitt aus dem Allgemeinen Intelligenzblatt der Stadt Basel vom 17. März 1851 zur geplanten Auflösung der Basler Standestruppe
Nahaufnahme. Allgemeines Intelligenzblatt der Stadt Basel, 7. Jahrgang, Nr. 64, 17. März 1851, S. 1, rechte Spalte. Foto: Bastian Peter, 2026. Original: Sammlung Larven Atelier Charivari.

Was das Intelligenzblatt 1851 schrieb

Basel. Die Regierung beabsichtigt die Standestruppe aufzulösen und dagegen den Sicherheits- und Polizeidienst ganz dem verhältnißmäßig zu vermehrenden Landjäger-Corps zu übertragen. Finanzielle Rücksichten scheinen bei diesem Plan mehr in die Wagschale gelegt worden zu sein, als Unzufriedenheit mit dem einen oder besondere Zufriedenheit mit dem andern der beiden bis jetzt in Gemeinschaft wirkenden Corps. Ein Näheres über die neue Organisation des Landjäger-Corps ist noch nicht bestimmt, nur scheinen die zur Berathung gezogenen Stabsoffiziere wenig Zutrauen in diese Neuerung ausgesprochen zu haben. Natürlich kommt diese Frage vor großen Rath.

Transkription: Die durch den Spaltensatz entstandenen Worttrennungen wurden aufgehoben. Historische Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden ansonsten beibehalten.


Den beinahe filmreifen Schlusspunkt setzte die Wache am St. Johanns-Tor. Die ganze Mannschaft lief davon, nachdem sie das Tor geschlossen und den Schlüssel in den Stadtgraben geworfen hatte. Am 14. Juni 1856 wurde die Standestruppe endgültig aufgelöst. In Basler Darstellungen gilt sie als letzte stehende Truppe der Schweiz. Ihre Aufgaben übernahm das seit 1816 bestehende Landjägerkorps, aus dessen weiterer Entwicklung das heutige Polizeikorps hervorging.


Kleine historische Basler Fasnachtsfigur mit erhobenem Säbel, rotem hohem Kopfschmuck, Schnauz und der Sockelaufschrift „Achtung! Morgestraich …“
Militärisch gestaltete Basler Fasnachtsfigur mit der Aufschrift „Achtung! Morgestraich …“. Künstler, Hersteller und genaue Datierung sind bislang unbekannt; vermutlich Mitte des 20. Jahrhunderts. Exemplar: Sammlung Larven Atelier Charivari; Foto: Bastian Peter, 2026.

Wie der Stänzler an die Basler Fasnacht kam

Als reale Dienstfigur verschwand der Stänzler 1856, als Basler Erinnerung blieb er erhalten. Seine bis heute bekannteste fasnächtliche Wiederbelebung verdankt er der Basler Mittwoch-Gesellschaft 1907. Weil die Kostümierung bei immer zahlreicheren Auftritten die Gesellschaftskasse belastete, liess die BMG 1922 eine eigene, wiederverwendbare Uniform anfertigen. An der Fasnacht desselben Jahres trug sie diese erstmals zum Sujet „Platzkommandomisere“.


Das war keine zufällige Wahl. Eine militärisch wirkende Uniform eignete sich hervorragend für die ironische Beschäftigung mit Kommando, Ordnung und Repräsentation. Bereits 1923 trat die Gesellschaft ausserhalb der Fasnacht achtmal in diesem Tenue auf. Später wurden die Stänzler zum Markenzeichen der BMG und begleiteten sie zu zahlreichen Auftritten in der Schweiz und im Ausland.


Auch ausserhalb der BMG ist die Figur in der Basler Bildwelt früh greifbar. Beat Trachsler weist in seinem Buch Vom Narr zum Ueli darauf hin, dass ein Stänzler 1926 erstmals als deutliches Motiv auf einer Basler Fasnachtsplakette erscheint: Otto Buser gab dem Tambourmajor seines „Schyssdräggziigli“ den hohen Zylinder, die knollige Nase und den kräftigen Schnauz eines Stänzlers. Weitere Plaketten von Otto Plattner folgten 1930 und 1935. In Zeichnungen und Kostümentwürfen der 1920er-Jahre ist ebenfalls zu sehen, wie sich der historische Soldat bereits zur grotesken Fasnachtsfigur wandelte.


Der Stänzler kam nicht als unveränderte historische Kopie an die Fasnacht. Er wurde ausgewählt, karikiert, vereinfacht und schliesslich zu einer klassischen Kostümfigur geformt. Die BMG bewahrte den Namen und die uniformierte Erscheinung; Larvenmacher und andere Künstler entwickelten daraus das Gesicht, das wir heute mit der Figur verbinden.


Offizielles BMG-YouTube-Video „2012 Basel – Basel Tattoo Parade“


Stänzler der Basler Mittwoch-Gesellschaft in dunkelblauen Uniformen mit roten Besätzen und schwarzen Tschakos am Sechseläuten 2018.
Stänzler der Basler Mittwoch-Gesellschaft am Zürcher Sechseläuten 2018. Foto: Dmollet / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Die Larve des Stänzlers

Der historische Stänzler war ein realer Soldat und trug selbstverständlich keine Fasnachtslarve. Ein verbindliches „Originalgesicht“ der Figur gibt es daher nicht. Die bekannte Stänzler-Larve ist eine spätere fasnächtliche Interpretation, die aus Uniform, öffentlichem Ruf und künstlerischer Übertreibung entstand.


Beat Trachsler nennt als typische Merkmale die vergrösserte, oft rötlich betonte „Säufernase“ und den mächtigen Schnauz. In den frühen Plaketten und Zeichnungen der 1920er- und 1930er-Jahre sind genau diese Elemente bereits sichtbar. Die militärische Figur wird nicht naturgetreu porträtiert, sondern zur Karikatur verdichtet. Auch der hohe Kopfschmuck, die Epauletten und die Haltung werden dabei gern stärker und stolzer dargestellt, als es eine sachliche Uniformzeichnung tun würde.


Die sogenannte Säufernase sollte man als überliefertes Spottmerkmal verstehen, nicht als Aussage über jeden Angehörigen der Standeskompagnie. Sie übernimmt den schlechten Ruf der Truppe in die Bildsprache der Fasnacht. Zusammen mit dem Schnauz kann sie den Stänzler streng, selbstbewusst, mürrisch, gutmütig oder sogar etwas dämonisch wirken lassen. Trachsler zeigt drei Larven aus dem Larven Atelier Charivari und betont gerade diese Bandbreite des Ausdrucks.


Eine gute Stänzler-Larve braucht deshalb nicht immer dasselbe Gesicht, wohl aber einen klaren Charakter. Kräftige Brauen, markante Nase und/oder Kinn, Schnauz und ein bestimmter Blick helfen, die Uniformfigur sofort lesbar zu machen. Wie bei jeder Basler Larve entscheidet jedoch das Zusammenspiel von Form, Bemalung, Perücke, Kopfbedeckung und Kostüm. Mehr zur handwerklichen und künstlerischen Entwicklung dieses Zusammenspiels findet sich in unserem Beitrag über die Geschichte der Basler Künstlerlarve.


Detail einer Basler Stänzler-Larve mit markanter Nase, kräftigem schwarzem Schnauz und farbiger Bemalung.
Der kräftige Schnauz gehören zu den häufigsten Merkmalen der Basler Stänzler-Larve.


Das Kostüm des Stänzlers

Beim Kostüm lohnt sich eine genaue Trennung zwischen der historischen Uniform der echten Standeskompagnie und dem Tenue, das heute als BMG-Stänzleruniform bekannt ist. Beides gehört zur Geschichte der Figur, ist aber nicht identisch.


Die historische Uniform war nicht immer gleich

Die Stänzler dienten über ein halbes Jahrhundert, und ihre Uniform veränderte sich in dieser Zeit. Nach dem ausführlichen Fachbeitrag von Hanspeter Meyer entsprach ihre Montur weitgehend jener der kantonalen Miliz. Ab 1811 war die Grundfarbe dunkelblau, Kragen und Aufschläge waren rot. Auf den Rockschössen trugen die Angehörigen der Standeskompagnie als Schützen beziehungsweise Jäger ein Jagdhorn. Auf Abbildungen erscheinen sowohl weisse als auch dunkelblaue Hosen.


Auch der Tschako wandelte sich. Auf eine nach oben ausladende französische Form folgten zylindrische und später konische Varianten. Die eidgenössische Ordonnanz von 1843 schrieb einen konischen Tschako mit geradem Schirm vor, der wegen seiner Form „Ziegerstock“ genannt wurde. Kurz vor der Auflösung der Standestruppe ersetzte ein beinahe knielanger, zweireihig geschlossener Waffenrock den älteren Frack.


Das erklärt, weshalb eine einzelne Fasnachtsuniform nie die ganze historische Entwicklung abbilden kann. Schon die echten Stänzler sahen 1810 nicht gleich aus wie 1850.


Die BMG-Uniform ist eine historisch inspirierte Neuschöpfung

Auf kurzen BMG-Übersichtsseiten ist bis heute vereinfacht davon die Rede, die Clique habe 1922 Uniformen der ehemaligen Standeskompagnie erworben. Der ausführliche, von der BMG selbst veröffentlichte Fachbeitrag von Hanspeter Meyer erklärt die Sache jedoch anders und genauer: 1922 liess die Gesellschaft eine eigene Uniform anfertigen. Diese entspricht nicht exakt der Standeskompagnie, sondern lehnt sich vor allem an die Artilleriekompagnie des Basler Stadtregiments der Miliz an. Altbasel kommt zur gleichen Einordnung.


Für den heutigen BMG-Stänzler prägend ist der dunkelblaue, zweireihige Frack mit scharlachrotem Kragen, roten Ärmelaufschlägen, roten Vorstössen und roten Schossumschlägen. Dazu kommen rote Fransenepauletten, gelbe Metallknöpfe, weisse Hosen, weisse Gamaschen und schwarze Schuhe. Auf Knöpfen und Uniformteilen finden sich Artilleriezeichen wie gekreuzte Kanonenrohre und die brennende Granate.


Der schwarze Tschako ist nach oben ausladend und trägt Schirm, Kinnriemen, Basler Kokarde, eine brennende Granate sowie roten Pompon und rote Huppe. Je nach Funktion unterscheiden sich Details. Fähnrich, Tambourmajor, Fahnenwache, Pfeifer und Tambouren tragen unterschiedliche Garnituren, Bandeliere, Säbel, Gewehre oder Trommelausrüstung. Tambouren sind in der beschriebenen BMG-Montur unbewaffnet.


Dass dieses Tenue uniformkundlich nicht exakt der historischen Standestruppe entspricht, macht es nicht wertlos oder „falsch“. Es ist seit mehr als hundert Jahren selbst Teil der Basler Fasnachtsgeschichte. Wichtig ist nur, Rekonstruktion und Tradition nicht miteinander zu verwechseln. Die BMG hat nicht einfach eine unveränderte Uniform von 1804 konserviert, sondern 1922 ein historisch inspiriertes, dauerhaft wiedererkennbares Stänzlerbild geschaffen.


Tschako statt Zweispitz

Beat Trachsler weist auf einen Fehler hin, der bei freien Stänzlerkostümen immer wieder vorkommt: Aus Unkenntnis werde der Figur gelegentlich ein Zweispitz aufgesetzt. Für die klassische, im 19. Jahrhundert verankerte Stänzlererscheinung ist jedoch der Tschako die passendere Kopfbedeckung. Der Zweispitz gehört zwar in die ältere Uniformgeschichte des Basler Stadtregiments, erklärt aber nicht das vertraute Bild der späteren Standeskompagnie und der BMG-Figur.


Tschako: Schwarze, hohe Kopfbedeckung einer Stänzler-Larve mit zwei roten Pompons und Schirm vor der Montage im Larven Atelier Charivari, 2007.
Kopfbedeckung einer Stänzler-Larve vor der Montage im Larven Atelier Charivari, 2007. Die hohe schwarze Form mit Schirm und roten Pompons ist eine fasnächtliche Interpretation des Tschakos. Archivaufnahme: Larven Atelier Charivari.

Der Stänzler im heutigen Fasnachtsbild

Heute begegnet man dem Stänzler an der Basler Fasnacht seltener als Waggis, Ueli oder Pierrot. Eine aktuelle Übersicht der klassischen Basler Fasnachtsfiguren verortet ihn vor allem im Vortrab, wo er beispielsweise eine Standarte oder Steckenlaterne trägt. Davon zu unterscheiden ist das uniformierte Stänzler-Corps der Basler Mittwoch-Gesellschaft: Nach der eigenen Q&A-Seite tritt dieses Corps mit seinen historischen Vereinsuniformen nur an Anlässen ausserhalb des fasnächtlichen Rahmens auf. Die freie klassische Fasnachtsfigur und das repräsentative BMG-Corps teilen Name und historische Bildwelt, sind heute aber nicht dieselbe Erscheinungsform.


Seine Wirkung entsteht aus mehreren Schichten zugleich. Die Uniform erinnert an militärische Disziplin und Repräsentation. Die Larve nimmt den Spott über die alte Truppe auf. Schnauz, Nase und strenger Blick machen aus dem Soldaten einen Typus, während Trommel, Piccolo, Fahne und Marschordnung ihn wieder mit Würde ausstatten. Darin liegt ein schöner baslerischer Widerspruch: Die einst wenig geliebte Ordnungstruppe lebt ausgerechnet in der Fasnacht weiter, also in jener Zeit, in der Ordnung für drei Tage bewusst anders verhandelt wird.


Der Stänzler ist deshalb weder bloss Uniform noch bloss Larve. Er ist Stadtgeschichte, Karikatur, Handwerk und gelebte Tradition in einer Figur. Wer sich die heutige Stänzler-Larve aus dem Larven Atelier Charivari ansieht, erkennt darin nicht das Gesicht eines bestimmten Soldaten, sondern die fasnächtliche Erinnerung an eine ganze Institution.


Der Stänzler, kurz und bündig

  • Die Stänzler waren die angeworbenen Berufssoldaten der Basler Standeskompagnie und späteren Standestruppe.

  • Sie waren militärisch organisiert, erfüllten im Alltag aber vor allem Wach-, Sicherheits-, Polizei- und Feuerwehraufgaben.

  • Die Standeskompagnie entstand 1804; die spätere Standestruppe wurde am 14. Juni 1856 aufgelöst.

  • Die ganze Wache am St. Johanns-Tor soll kurz vor dem Ende desertiert sein und den Torschlüssel in den Stadtgraben geworfen haben.

  • Die BMG liess 1922 eine eigene Stänzleruniform anfertigen und trug sie erstmals zum Sujet „Platzkommandomisere“.

  • Die heutige BMG-Uniform ist keine exakte Uniform der historischen Standeskompagnie, sondern lehnt sich stark an die Basler Milizartillerie an.

  • Typische Larvenmerkmale sind eine markante, manchmal übergrosse Nase, ein kräftiger Schnauz und ein strenger bis gutmütiger Ausdruck.

  • Der Stänzler gehört zu den besonders lokal verankerten klassischen Figuren der Basler Fasnacht.


Inschrift am Hülftenschanz-Denkmal über den Angriff der Basler Standestruppe am 3. August 1833.
Inschrift am Hülftenschanz-Denkmal zur Niederlage der Basler Standestruppe am 3. August 1833. Das Denkmal verwendet die traditionelle Bezeichnung Hülftenschanz; die genauere Verortung des Hauptkampfs bei der Griengrube wird im Text erläutert. Foto: EinDao / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

FAQ – Häufige Fragen zum Stänzler

Was ist ein Stänzler?

Ein Stänzler ist eine klassische Basler Fasnachtsfigur, die auf die Berufssoldaten der 1804 gegründeten Basler Standeskompagnie und der späteren Standestruppe zurückgeht. Heute erkennt man die Figur an der historisch inspirierten Uniform, dem Tschako und einer markanten Larve mit Schnauz.


Waren die Stänzler Soldaten oder Polizisten?

Die Stänzler waren Berufssoldaten in einer militärisch organisierten und bewaffneten Truppe. Ihr alltäglicher Dienst bestand jedoch zu einem grossen Teil aus Wach-, Sicherheits-, Polizei- und Feuerwehraufgaben. In Krisenzeiten wurden sie auch als Soldaten eingesetzt.


Woher kommt der Name Stänzler?

Der Name hängt mit der „Stands“, also dem Stand beziehungsweise Kanton, und der Standeskompagnie zusammen. Das Schweizerische Idiotikon verzeichnet die Formen „Ständsler“ und „Stänzler“ für einen Soldaten der „Stands“ beziehungsweise einen Polizeigardisten. Im selben Wörterbucheintrag bezeichnet „Stänzler“ ausserdem einen Trommlermarsch beim Aufzug der Garnison.


Seit wann gibt es den Stänzler an der Basler Fasnacht?

Die bekannteste bis heute fortgeführte Tradition begann 1922 bei der Basler Mittwoch-Gesellschaft. Die BMG liess eine eigene Uniform anfertigen und trug sie an der Fasnacht zum Sujet „Platzkommandomisere“. Auf Basler Fasnachtsplaketten ist die groteske Stänzlerfigur ab 1926 nachweisbar.


Ist die heutige Stänzler-Uniform historisch original?

Nein, nicht im Sinn einer exakten Rekonstruktion. Der ausführliche BMG-Fachbeitrag erklärt, dass die 1922 angefertigte Uniform stärker an die Artilleriekompagnie des Basler Stadtregiments als an die eigentliche Standeskompagnie angelehnt ist. Sie ist inzwischen aber selbst eine über hundertjährige Basler Tradition.


Wie sieht eine Stänzler-Larve aus?

Häufige Merkmale sind eine markante, oft vergrösserte und rötlich betonte Nase, ein kräftiger Schnauz, starke Brauen und ein strenger, selbstbewusster oder auch gutmütiger Ausdruck. Ein unveränderliches Standardgesicht gibt es nicht.


Wo begegnet man dem Stänzler heute?

An der Basler Fasnacht ist der Stänzler eher selten und erscheint beispielsweise im Vortrab mit Standarte oder Steckenlaterne. Das uniformierte Stänzler-Corps der BMG tritt nach eigener Auskunft dagegen nur bei Anlässen ausserhalb des fasnächtlichen Rahmens auf.


Was ist ein Tschako?

Ein Tschako ist eine hohe militärische Kopfbedeckung aus Filz oder Leder mit einem Schirm über der Stirn. Solche Kopfbedeckungen waren im 19. Jahrhundert in vielen europäischen Armeen verbreitet. Ihre Form wechselte: Es gab nach oben ausladende, zylindrische und später konische Modelle. Beim Stänzler prägt der schwarze Tschako mit Kokarde, Pompon und weiteren Abzeichen die Silhouette der Figur.


Was bedeuten Standeskompagnie und Standestruppe?

„Stand“ bedeutete hier Kanton oder Staatswesen. Die Standeskompagnie war die 1804 gegründete, besoldete Basler Berufstruppe. Nach ihrer Auflösung im Jahr 1833 entstand 1834 eine neue Truppe mit dem Namen Standestruppe. Beide wurden im Volksmund mit dem Namen Stänzler verbunden.


Warum schreibt man Standeskompagnie mit g?

„Kompagnie“ ist eine schweizerische Schreibweise von „Kompanie“ und wird auch gleich ausgesprochen. Für die historische Basler Standeskompagnie verwenden wir die in der einschlägigen Basler Literatur verbreitete Bezeichnung mit g.


Was bedeuten Montur, Waffenrock, Gamaschen, Epauletten und Bandelier?

  • Montur: die ausgegebene Uniform beziehungsweise die gesamte militärische Bekleidung.

  • Waffenrock: ein militärischer Uniformrock; bei der späteren Standestruppe war er länger und vorne zweireihig geschlossen.

  • Gamaschen: Stoff- oder Lederteile, die über Schuh und Knöchel beziehungsweise einen Teil des Unterschenkels getragen wurden.

  • Epauletten: auffällige Schulterstücke, die je nach Armee Waffengattung, Rang oder Funktion kenntlich machen konnten.

  • Bandelier: ein breiter Riemen, der quer über den Oberkörper getragen wurde, etwa für Säbel, Patronentasche, Fahne oder Trommelausrüstung.


Was war die Pintenkehr?

Eine „Pinte“ war ein einfaches Gasthaus oder eine Schenke. Bei der Pintenkehr zog ein Stänzler am Abend durch die Gasthäuser und sammelte die Namenslisten der übernachtenden Gäste ein. Diese Runde gehörte zur damaligen Fremdenkontrolle.


Was bedeuten Fähnrich, Tambour und Tambourmajor?

Der Fähnrich trägt die Fahne. „Tambour“ ist die ältere und an der Basler Fasnacht bis heute gebräuchliche Bezeichnung für einen Trommler. Der Tambourmajor führt eine Trommlerformation und gibt mit dem Tambourmajorstock Zeichen; das Wort „Major“ bezeichnet hier die Funktion und nicht automatisch einen heutigen militärischen Offiziersrang.


Treten die BMG-Stänzler an der Basler Fasnacht auf?

Das historische Uniformcorps der BMG tritt laut eigener Q&A-Seite nur ausserhalb des fasnächtlichen Rahmens auf. Die BMG selbst nimmt weiterhin an der Basler Fasnacht teil. Der Stänzler als klassische Fasnachtsfigur besteht davon unabhängig weiter.


Zeitlinie – die Entwicklung des Stänzlers im Überblick

Anfang der 1620er-Jahre

Basel wirbt wegen der Bedrohung im Dreissigjährigen Krieg mehrere hundert Soldaten an. Aus dieser Mannschaft entwickelt sich die Stadtgarnison.


1691 und 1692

Die Stadt richtet Kasernen in ehemaligen Klöstern ein. 1692 bewilligt der Rat Uniformen für die Stadtgarnison.


1798 und 1799

Französische Truppen übernehmen die Torwachen und Torschlüssel. Die bisherige Stadtgarnison verliert ihre Hauptaufgabe und verschwindet 1799.


1804 und 1805

Nach dem Abzug der Franzosen wird die Standeskompagnie gegründet. Ihre Soldaten heissen im Volksmund Stänzler. Der Sollbestand von 200 Mann wird 1805 erreicht.


1824

Der Rat diskutiert erneut über Sinn und Nutzen der Truppe. Die damalige Debatte zeigt bereits ihre Doppelrolle zwischen militärischer Organisation und polizeilichem Sicherheitsdienst.


1833

Die Standeskompagnie kämpft in den Wirren der Kantonstrennung und wird danach auf eidgenössischen Befehl entwaffnet und aufgelöst.


1834

Basel schafft eine neue Standestruppe mit 201 Mann, die erneut Wach-, Sicherheits- und Ehrendienste übernimmt.


1848

Eine Meuterei führt zur Entwaffnung und Teilauflösung der Truppe. Ein verkleinerter Bestand wird provisorisch weitergeführt.


1851

Die Basler Regierung plant, die Standestruppe aufzulösen und den Sicherheits- und Polizeidienst einem entsprechend vergrösserten Landjägerkorps zu übertragen. Das Allgemeine Intelligenzblatt der Stadt Basel meldet dieses Vorhaben am 17. März 1851. Beschlossen ist die Auflösung zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht; die Frage muss erst dem Grossen Rat vorgelegt werden. Dort findet der Plan keine Mehrheit.


1855

Die Desertionen nehmen stark zu. Auch die gesamte Wache am St. Johanns-Tor läuft davon und wirft den Schlüssel in den Stadtgraben.


14. Juni 1856

Die Standestruppe wird endgültig aufgelöst. Ihre Aufgaben gehen an das Landjägerkorps über.


1922

Die Basler Mittwoch-Gesellschaft lässt eine eigene Stänzleruniform anfertigen und trägt sie erstmals an der Fasnacht zum Sujet „Platzkommandomisere“.


1926, 1930 und 1935

Stänzlerfiguren erscheinen auf Basler Fasnachtsplaketten von Otto Buser und Otto Plattner. Die Larvenfigur wird im Basler Bildgedächtnis verankert.


1954

Die heute bekannte BMG-Stänzlerfahne entsteht. Sie ist älteren schweizerischen Militärfahnen mit Flammenmuster nachempfunden.


Heute

Der historische Berufssoldat ist verschwunden, doch der Stänzler lebt als klassische Basler Fasnachtsfigur und als Markenzeichen der BMG weiter.


Hinweis zur Quellenlage

Hülftenschanze oder Griengrube?

Hanspeter Meyer schrieb 1982 in seinem Beitrag „Vom Stänzler und seiner Uniform“ in der Jubiläumsschrift 75 Jahre Basler Mittwoch-Gesellschaft 1907–1982, beim „Gefecht bei der Hülftenschanze“ sei es am 3. August 1833 gegen den Willen der Stänzler zum Rückzug gekommen. Der auf der heutigen Stänzler-Website veröffentlichte lange Geschichtstext übernimmt diese Formulierung; am Ende der Seite wird Meyer als Autor genannt.


Eine spätere, deutlich ausführlichere Rekonstruktion kommt zu einer genaueren Ortsangabe. Roger Jean Rebmann veröffentlichte 2012 auf Altbasel den Aufsatz „Mythos Hülftenschanze – der 3. August 1833“. Darin beschreibt er die Hülftenschanze als von den Baselbietern geräumte Stellung, welche die Basler Standeskompagnie ohne Kampf besetzte. Die verlustreichen Angriffe der Stänzler fanden demnach anschliessend bei der Schanze an der Griengrube statt. Die heutige, undatierte Kurzfassung auf staenzler.ch folgt dieser neueren Einordnung und schreibt ausdrücklich, die Hülftenschanze sei kampflos eingenommen worden.


Der scheinbare Widerspruch erklärt sich somit teilweise durch den Sprachgebrauch: „Schlacht an der Hülftenschanze“ ist die überlieferte Bezeichnung für das gesamte Ereignis, während Griengrube den eigentlichen Hauptkampfplatz der Stänzler genauer benennt. Dieser Artikel folgt bei der Ortsangabe Rebmanns detaillierter Rekonstruktion von 2012.


1851 geplant – 1856 endgültig aufgelöst

Das Allgemeine Intelligenzblatt der Stadt Basel berichtet am 17. März 1851 nicht von einer bereits erfolgten Auflösung der Standestruppe. Die Formulierungen sind eindeutig: Die Regierung „beabsichtigt“ die Auflösung, Näheres zur neuen Organisation des Landjägerkorps sei „noch nicht bestimmt“, und die Frage müsse erst vor den Grossen Rat kommen. Die zeitgenössische Meldung belegt damit einen konkreten Regierungsplan, aber noch keinen vollzogenen Beschluss.


Die Angabe, dass die Standestruppe am 14. Juni 1856 endgültig aufgelöst wurde, steht dazu nicht im Widerspruch. Beide Quellen beschreiben verschiedene Stadien desselben längeren Prozesses: 1851 plante die Regierung bereits die Übertragung des Sicherheits- und Polizeidienstes an ein vergrössertes Landjägerkorps, konnte sich damit politisch aber noch nicht durchsetzen. Erst fünf Jahre später wurde die Standestruppe tatsächlich aufgehoben.


Originaluniform der Standeskompagnie oder BMG-Neuschöpfung?

Auch zur BMG-Uniform stehen mehrere Aussagen nebeneinander. Die heutige, undatierte BMG-Übersichtsseite „Die Stänzler der BMG“ schreibt, die Clique habe 1922 „diese Uniformen der ehemaligen Basler Standeskompanie“ erworben. Die aktuelle BMG-Geschichtsseite spricht ebenfalls vom „Kauf der Stänzler“ beziehungsweise der Uniform der ehemaligen Basler Stadtwache. So gelesen entsteht der Eindruck, die BMG habe 1922 einen vollständigen Bestand originaler Standeskompagnie-Uniformen übernommen.


Hanspeter Meyers namentlich gezeichneter Fachbeitrag von 1982 sagt dagegen bereits in der Einleitung, die BMG habe 1922 „eine eigene Uniform anfertigen“ lassen. Im uniformkundlichen Teil wird er noch deutlicher: Die BMG-Uniform sei „mitnichten“ jene der Standeskompagnie, sondern im Wesentlichen der Artilleriekompagnie des Basler Stadtregiments der Miliz nachempfunden – und selbst dieses Vorbild sei nicht in allen Einzelheiten genau übernommen worden. Altbasel folgt dieser Einordnung und bezeichnet das Tenue als uniformkundlich näher bei der Basler Milizartillerie als bei der Standestruppe.


Die heutige Kurzfassung auf staenzler.ch versucht beide Erzählungen zu verbinden, vermischt dabei jedoch unterschiedliche Formationen: Sie schreibt zuerst von neu angefertigten und übernommenen Uniformen, erklärt später, die Montur sei nicht an die Standeskompagnie angelehnt, nennt dann aber die Standestruppe und „genauer gesagt“ die Artilleriekompagnie des Stadtregiments. Die Artilleriekompagnie gehörte jedoch zur kantonalen Miliz und nicht zur Standestruppe.


Am saubersten lässt sich der Quellenstand deshalb so zusammenfassen: In der BMG-Sammlung können sich einzelne originale Uniformstücke des 19. Jahrhunderts befinden. Die als BMG-Stänzler bekannte Gesamtmontur ist aber keine unverändert übernommene Originaluniform der Basler Standeskompagnie. Sie ist eine 1922 geschaffene, historisch inspirierte Vereinstradition, deren auffälligste uniformkundliche Merkmale aus der Basler Milizartillerie stammen. Dieser Artikel folgt bei den Details Meyers ausführlichem Beitrag von 1982 und der darauf aufbauenden Einordnung von Altbasel.


Auch überlieferte Urteile über Trunksucht, Unmoral oder Disziplinlosigkeit werden im Beitrag als Teil des damaligen öffentlichen Rufes und der späteren Karikatur wiedergegeben. Sie sind keine pauschale Charakterisierung jedes einzelnen Angehörigen der Truppe.


Quellenangaben

Literatur und Projektquellen

  • Allgemeines Intelligenzblatt der Stadt Basel, 7. Jahrgang, Nr. 64, Montag, 17. März 1851, S. 1, rechte Spalte, Meldung „Basel“. Zeitgenössische Quelle zum Regierungsplan, die Standestruppe aufzulösen und den Sicherheits- und Polizeidienst einem entsprechend vergrösserten Landjägerkorps zu übertragen.

  • Hanspeter Meyer: „Vom Stänzler und seiner Uniform“, in: 75 Jahre Basler Mittwoch-Gesellschaft 1907–1982, Basel 1982, S. 161–178.

  • Beat Trachsler: Vom Narr zum Ueli. Tradition und Wandel von Basler Fasnachtsfiguren, Basel 2004, besonders S. 109–117.

  • Hans-Peter Meyer: „Die Basler Standestruppe“, in: Basler Kalender 1994, S. 50–59.

  • Carl Wieland: „Über das baslerische Militärwesen in den letzten Jahrhunderten“, in: Basler Jahrbuch 1886, S. 79–144.

  • Paul Enzmann: Die Militärorganisation des Kantons Basel bis 1815, Dissertation, Basel 1941.

  • Robert Heuss: Basler Polizei 1816–2016. Zwei Jahrhunderte Polizeigeschichte in Wort und Bild, Basel 2016.


Online-Quellen


Weitere Beiträge aus unserer Reihe


Vielen Dank fürs Lesen und für das Interesse an der Geschichte unserer klassischen Basler Fasnachtsfiguren.


Text und aktuelle Larvenfotos: Bastian Peter, Larven Atelier Charivari


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