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  • AutorenbildLarven Atelier Charivari

Gäll, du kennsch mi nit? (Coop Zeitung, Februar 2005)

Aktualisiert: 10. Feb. 2023

Basel`s scheenschti Dääg


Update: Vollständige Sonderausgabe, Fotos neu verbessert und Text abgetippt.


Coop Sonderausgabe Basler Fasnacht und der Besuch bei uns.



Man sieht Roman Peter, Gründer des Atelier Charivari, beim Bemalen einer Larve.
Über 2500 Larven verlassen järhlich das Larven Atelier Charivari

Roman Peter ist für die Bemalung der Larven zuständig. Am liebsten arbeitet er nachts, nur umgeben von seinen teilweise Angst einflössenden Larven.


Nummer 248 ist von der Natur nicht gerade reich beschenkt worden. Die grosse Stirn drückt auf die kleinen, eng zusammenliegenden Augen, die knollige Kartoffelnase hängt über den verkniffenen Mund und der bleiche Teint erinnert an einen Bäcker, der seit Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hat. Nummer 381, sein Nachbar, ist nicht viel besser dran. Sein "Gesicht" weckt Assoziationen an ein üppiges Hinterteil. Zu allem Elend scheint sich an der gegenüberliegenden Wand ein Langnasiger über die zwei einen Schranz zu lachen.


Was wie ein Gruselkabinett anmutet ist in Wirklichkeit der Empfangsraum des Larven Atelier Charivari in Basel. Unzählige Larven, der baseldeutsche Ausdruck für Masken, hängen in Reihen an den Wänden und grinsen, glotzen, schimpfen (...) den Betrachter an. Wenige Tage vor dem "Morgestrauch" herrscht reges Kommen und Gehen (...)



Eine Ansicht aus dem Atelier Charivari, mit vielen Larven. Foto von Martin Heimann, Coop Zeitung 2005.
Ob lustig, grimmig, hässlich oder schön: Im Larven Atelier Charivari in Basel ist die Auswahl schier grenzenlos.


Ich bin wegen dem blauen Bilätzlibaiass hier, ist er schon fertig?» Ungeduldig spielt die Kundin mit ihren Haaren. Zwei Minuten später hält sie die Larve in den Händen. «Wunderbar, und wie schön die Farben aufeinander abgestimmt sind. Sie passen hervorragend zu meinem Kostüm». Liebevoll streicht sie der Larve die Haare aus dem Gesicht und verlässt zufrieden das Atelier. '


Im Hinterzimmer sitzt Roman Peter zwischen unzähligen Farbtuben, Pinseln und an die Decke starrenden Larven. ' Er tunkt gerade einen feinen Pinsel in einen giftgrünen Farbklecks. Die.Larve in seiner Hand scheint einem Albtraum zu entspringen: scharfe, lange Zähne, dünner Hals, spitzige Ohren und ein Blick, der einem das Blut gefrieren lässt, Roman Peter: «Sie verkörpert das Böse schlechthin. Doch solche Larven sind eher die Ausnahme. Normalerweise wollen die Leute keine bösen, hässlichen und abstossenden Larven.» Zu den beliebtesten Figuren zählen der «Harlekin» der «Ueli», der «Pierrot» die «alte Tante», de «Blätzlibaiass» und na türlich der «Waggis».


Roman Peter, der mit seinem Geschäftspartner Daniel Ebner das Atelier führt, hat 28 Jahre Berufserfahrung und ist überzeugt: Die Leute kaufen Larven, die zu ihrem Gesicht passen. «Kaum einer kommt und kauft sich eine Figur, die ihm nicht irgendwie ähnelt. Wenn ich die Larve bemale und weiss, für wen sie ist, merke ich mit der Zeit, dass sie der Person immer mehr zu gleichen beginnt». Gaby Zeuggin, die hier seit vielen Jahren die Endmontage betreut, wirft ein: «Die Leute verstecken sich nicht hinter den Larven. Sie wollen zwar für diese Tage anders aussehen, aber immer noch schön, oder lieber noch schöner als sonst. Die Larven sollen das Bild, das sie von sich selbst haben, unterstreichen.»



Das Titelbild der Coop Zeitung 2005: Eine Ansicht aus dem Atelier Charivari, mit der berühmten Larven Wand im Atelier Charivari. Foto von Martin Heimann.
Titelbild der Sonderausgabe über die Basler Fasnacht und das Larven Atelier Charivari., Coop Zeitung 2005


Wer in die Geburtsstätte der Larven - die Kaschiererei —will, muss die Treppe hinauf an einem Heer von Kriegern aus dem Fantasyfilm «Herr der Ringe» vorbei: ein gruseliger Anblick. Hier oben entstehen Tonköpfe, von denen ein Gipsabdruck die Vorlage fürdie Larven liefert. Ausserdem dient das Zimmer als Lager für die fertigen Larven: Pausbäckige, blond gezopfte «Holländerinnen» warten in den Regalen geduldig auf ihre Besitzer.

Nebenan wird noch fleissig gehämmert und geleimt. Ein bissiger Geruch erfüllt die Luft. Hier wird den bemalten Larven der letzte Schliff verpasst. Mit der Leimpistole klebt Gaby Zeuggin leuchtend gelbe Basthaare an Helme, die den noch glatzköpfigen Fraizen ein gfürchiges Aussehen geben sollen. «Der Leim und das Antiflamm, mit dem wir die Perücken einsprayen müssen, stinken ziemlich, aber man gewöhnt sich daran», sagt sie achselzuckend. "Es ist nur für ein paar Monate im Jahr, ausserdem ist das Wetter im Moment so schön, dass wir immer das Fenster aufmachen können.


Bild Seite 1:

Eın schier unerschöpflicher Fundus an Larven. Die Lust auf Verkleidung kommt unweigerlich auf, auch bei Anti-Fasnächtlern ...



Im kleinsten Raum des Ateliers werden die grössten Larven hergestellt. Ein riesiger Vogel Gryff, noch unbemalt und dementsprechend harmlos wirkend, thront auf einem Sockel. Es ist das Reich von Daniel Ebner. Hier fertigt er jedes Jahr rund 40 Tambourmajor-Larven an. «Es steckt viel Arbeit drin und das für drei Tage im Jahr - manchmal sehe ich meine Larven nach der Fasnacht aus einer Mulde ragen. Doch das stört mich nicht, ich freue mich, wenn sie mir gelungen sind, Nächstes Jahr kommen wieder neue.» Roman Peter hat inzwischen neue Larven bemalt und hochgebracht. Fabienne Bührer bohrt mit der Ahle Löcher hinein und befestigt daran silbrige Helme. «Am Anfang war es anstrengend, jetzt geht es besser», sagt sie lachend. Es ist ihre erste Saison im Atelier und die Arbeit gefällt der Fasnächtlerin sehr.


Draussen ist es dunkel geworden. In der Nachbarschaft pfeift jemand den «Arabi», einen der beliebtesten Fasnachtsmärsche in Basel. Doch für die Belegschaft des Ateliers ist die Arbeit noch nicht vorbei. «Die letzten Tage vor der Fasnacht sind lang. Nach dem gemeinsamen Abendessen arbeiten die meisten noch bis schauenden Gesichtern Mitternacht», erzählt Roman Peter, der das Essen für alle zubereitet. Er selbst bleibt bis um fünf Uhr morgens. Nur noch umgeben von grinsenden, starrenden und grimmig schauenden Gesichtern, fühlte er sich am wohlsten. "Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, von allen beobachtet zu werden.



Quelle:

"Gäll, du kennsch mi nit?", Coop Zeitung, 2 Februar 2005

Autor: Aninna Rether / Fotos: Martin Heimann


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