Basler Fasnachtslarven – Glückseligkeit aus Papier (Knall-Erbse 2010)
- Bastian Peter

- 4. Jan. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Die Basler Fasnachtslarve - Larven Atelier Charivari in der Knall-Erbse
Die Fasnachtslarve gehört zu den zentralen Elementen der Basler Fasnacht. Der „Knall-Erbse“ widmet sich in seiner Ausgabe vom Februar 2010 (19. Ausgabe) ausführlich der Geschichte, Herstellung und Bedeutung dieser besonderen Kunstform.
Der Artikel zeigt eindrücklich, wie sich die Basler Larve über Jahrhunderte entwickelt hat – von einfachen Materialien bis hin zur heutigen künstlerischen Ausdrucksform. Gleichzeitig wird deutlich, welche wichtige Rolle spezialisierte Ateliers wie das Atelier Charivari in dieser Tradition spielen.
Im Folgenden der Artikel aus „Der Knall-Erbse“, Februar 2010 (19. Ausgabe) in gut lesbarer Form.

Der Knall-Erbse, Februar 2010 (19. Ausgabe)
Basler Fasnachtslarven – Glückseligkeit aus Papier für die drey scheenschte Dääg
Wohl über kein anderes mitteleuropäisches närrisches Brauchtum wie die Basler Fasnacht existiert derartig umfangreiche Literatur. Akademische Auseinandersetzungen oder aber durchaus ernst gemeinte „Gebrauchsanleitungen“, etwa des Basler Fasnacht-Comité’s, stehen für Nichtbasler bereit zum Verständnis des Phänomens der Basler Fasnachtskultur.
Relativ wenig allerdings erfährt der Konsument über die Geschichte der Hauptakteure der Basler Fasnacht, den Larven, der Glückseligkeit aus Papier für die drey scheenschte Dääg. Dass es sich nicht nur auf diese drei Tage beschränkt bleibt, werden wir hier noch erfahren. Überhaupt sei vorab festzuhalten, dass die Basler Fasnacht, so wie wir sie heute kennen, noch eine relativ junge Spielart der Narretei darstellt, welche durchaus auch im 19. Jahrhundert dem Prinzen Karneval gehuldigt hat.
Ähnlichkeiten in der Historie der Verlarvung der Basler mit weiteren Narrenhochburgen insbesondere im Dreiland, sind festzustellen. So dienten der Basler Butzen im 15. Jahrhundert, Russ oder Asche um ihr Gesicht zu verstecken. Erst etwa im 19. Jahrhundert kamen Larven aus Metall, Drahtgaze, gewachstem Leinen sowie aus Papier zum Einsatz. Die heute vermeintlich uralte Tradition der Basler Papierlarven, ist das Ergebnis u. a. zunehmender Unzufriedenheit mit den bis in die 1930er Jahren importierten Larven aus Italien, Frankreich sowie Thüringen.

Insbesondere Manebach, Ohrdruf sowie Sonneberg im holzreichen, aber strukturell armen Thüringer Wald, versorgten viele Jahrzehnte die Basler Fasnacht mit tausenden kleiner dünnen, kaschierten Papier- und Wachslarven. Sorgfältig gemalte „Künstlerlarven“ in vornehmlich origineller Typik verlebendigt durch reichen Haarbesatz verliehen Südthüringen als „Schweizer Modelle“. Im Hauptkatalog von 1925 bietet die Fa. Carl Hah in Ohrdruf explizit noch eine Waggislarve an. Eine Waggislarve übrigens, welche eigentlich so gar nichts mehr mit der heutigen bekannten riesennasigen Ausformung der erstmals 1870/71 geschichteten Elsässer Figur gemein hat.
Nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich beim Waggis aber nicht um den bisher angenommenen Bauern aus dem Wasgau, einer Mittelgebirgslandschaft in Rheinland-Pfalz welche sich bis in die Vogesen fortsetzt, sondern eher um eine soziale Randfigur, welche durch die Industrialisierung des Elsass „durch die Maschen des sozialen Netzes“ (Jürg-Peter Lienhard) gefallen ist.
Die von Hah angebotene Waggislarve, entspricht eher der Abbildung des auf der kolorierten Ansichtskarte von 1909 zu erkennenden Waggis mit einer Alti Dante, in einer Fotomontage vor der Altstadtsilhouette. Die mit Basler Poststempel vom 28.11.1909 versehene Ansichtskarte an Herrn Schmid in Ravensburg offenbart nun, dass die Basler Fasnacht durchaus auch schon vor den ansonsten üblichen närrischen drei Tage nach Aschermittwoch gefeiert haben. So schreibt nämlich das Klärli und die Mama an den lieben Karl, dass sie am Montagabend auf den Maskenball bis 4 Uhr geht, organisiert etwa durch den Verein Quodlibet, oder die als pompös überlieferten Casino-Maskenbälle waren die Basler Tanzgelegenheit schlechthin. Hier bot sich natürlich auch die Möglichkeit des Intrigierens, Anhängern der schwäb.-alem. Fasnacht besser bekannt als Strählen.
Ältere Fasnachten kennen nun sicherlich noch die Strapazierfähigkeit einer einfachen Papierlarve, welche auch im süddeutschen Raum zur närrischen Lustbarkeit getragen wurden. Unzählige Larven verschwanden nach durchtanzter Nacht, ihrer Form beraubt im heimischen Ofenloch. Das Haltbarkeitsdatum dürfte bei wenigen Stunden gelegen haben.
Hier nun schlägt die Geburtsstunde der Basler Künstlerlarve. In einem Artikel vom 17. Februar 1936 bemängelt der Autor der Basler Nachrichten die Beherrschung des Basler „Larvenmarktes“ der vergangenen Jahre durch die deutsche „Dutzendware“. Dieser Umstand hatte bereits 1925 die Basler Künstler zu einem Wettbewerb unter Künstlern veranlasst, neue Larven zu entwerfen. Der Bildhauer Paul Wilde holte sich den ersten Preis mit seinem Leinwandentwurf des Änis.
Im gleichen Jahrzehnt begann aber auch der Siegeszug der von Künstlern entworfenen, kaschierten d.h. aus Pappmaschee gefertigten Larven. Alphonse Magne und Adolf Tschudin waren die Wegbereiter der heutigen über die Basler Grenzen hinweg bekannten Larvenkunst. Zahlreiche Künstler, wie etwa die Gruppe 33, einem antifaschistischen Zusammenschluss von Basler Künstlern aus dem Jahre 1933, lieferten die Entwürfe. Gründungsmitglied der Künstlergruppe war u.a. der Maler Otto Abt, welcher wie seine weiteren Mitstreiter die Schweizer Kunstszene des 20. Jahrhunderts beeinflusste.
Nach umfangreichen Versuchen der Herren Magne und Tschudin mit Werkstoffen wie etwa Holzstoff, Ton, Kreide und Leim zur Herstellung der Papierlarven, setzte sich letztlich sog. Schrenzpapier aus Holzzellulose durch. Aussenrindig diente dies als Abdeckpapier bei Malerarbeiten oder als Verpackungsmaterial. Bereits von der Papierqualität hängt das positive Ergebnis der Larve ab. Beim Kaschieren werden dann ca. spielkartengrosse in Leim getauchte Papierstreifen, in aller Regel dreilagig aufgebracht. Die aus der Form gelöste Maske trocknet bei Zimmertemperatur. Eine Basler Künstlerlarve, gemalt in Öl- oder Acrylfarbe zeichnet sich durch wenige markante Pinselstriche und -tupfer aus die der Maske ihren ganz besonderen Ausdruck verleiht.
Die Entwicklung des Gupfi, einer kaschierten Kopfschale Mitte der 30er Jahre, ermöglicht grössere Dimensionen im Larvenbau, und sorgt für angenehmen Tragekomfort. Überdimensionale Tambourmajorlarven prägen bis heute den Auftritt der Guggenmusiken bei den Cortège, dem Basler Fasnachtsumzug.

Vereinzelt tauchten in den vergangenen Jahren einfachere und daher kostengünstiger zu produzierende Larven aus Kunststoff auf. Der traditionsbewusste Basler setzt allerdings nach wie vor auf eine kaschierte Larve aus Papier, welche dann auch ca. 350 sfr kosten darf.
Hin und wieder verängstigten Hiobsbotschaften die Basler Ateliers bezüglich des Stoffes, aus dem die närrischen Träume sind. So berichtete der Gratisanzeiger Baslerstab im November 2006, dass mehrere Hersteller die Produktion dieses speziellen aber eigentlich aus schlechter Qualität bestehenden Papiers eingestellt haben. Zwischenzeitlich hat sich aber eine andere Papierfabrik der Herstellung dieses begehrten Rohstoffes angenommen.
Schenkt man den Atelierbesitzern Glauben, so verweist der Ueli, eine Figur etwa in Anlehnung an einen mittelalterlichen Hofnarren, in der Beliebtheitsskala den Waggis, die Alti Dante, den Harlekin oder den Dummpeter als traditionelle Basler Fasnachtsfigur auf die hinteren Plätze.
Der Jahresbedarf an Larven für die geschätzten 20’000 aktiven Basler Fasnächtler wird heute gedeckt durch rund 10 Larvenateliers, welche mindestens ein halbes Jahr produzieren. Nach wie vor stellen Künstler ihre Kreativität in den Dienst der Narretei. Fieberig wird es in den Ateliers wenn es dem Jahresende zugeht, und die Cliquen ihr Sujet gewählt haben, weshalb es für den interessierten Larvenfreund sicher sinnvoll ist, seinen Besuch ausserhalb der vorfasnächtlich stressigen Zeit der Larvenateliers zu planen.
Empfehlenswert ist sicherlich das seit 1976 bestehende Larvenatelier Charivari. Rund 3500 Basler Larven gehen jährlich durch die künstlerische Hand des Mitinhabers und Künstlers Roman Peter, welcher dem Besucher auch gerne seine eigene Sammlung von Larven, nicht nur aus Papier, durch die Jahrhunderte zeigt. Lohnenswert ist sicherlich auch ein Abstecher in das Ortsmuseum in Binningen/Basel welches Basler Künstlerlarven aus den Jahren 1925 bis 1984 zeigt, die rund 50 der bekanntesten Basler Künstlerinnen und Künstler für die Fa. Schudin kreiert haben.
Trotz des immensen Stellenwertes der Larve und der Larvenmaler in der Basler Fasnacht, hat es dieselbe 2009 erstmals als Motiv auf der seit 1911 angebotenen „Blaggedde“ zur Finanzierung der Basler Fasnacht geschafft. Die Larve und ihre Schöpfer zeigt die Plakette nach einem Entwurf des selbständigen Künstlers Roger Sigrist aus Binningen, und ist angelehnt an die noch nicht angemalten Larven, wie sie in den Ateliers zu hunderten hängen. Dass dieses närrische Schmuckstück durch das Fasnachts-Comité mit dem Motto „Jetzt simmer laggiert“ versehen wurde, hat allerdings weniger mit der noch fehlenden Bemalung, als mit der Banken- und Finanzkrise zu tun.
Wunderbar geschrieben von Jürgen Stoll
Geschichte und Tradition der Basler Fasnachtslarven
Der Bericht zeigt eindrücklich, wie tief die Basler Fasnachtslarven in der Kultur und Geschichte der Stadt verwurzelt sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass dieses Handwerk bis heute von spezialisierten Ateliers und engagierten Künstlerinnen und Künstlern getragen wird.
Das Atelier Charivari ist Teil dieser lebendigen Tradition und steht für die Weiterführung dieser einzigartigen Basler Larvenkunst.
Quelle: Der Knall-Erbse (Februar 2010, Ausgabe 19), Artikel „Basler Fasnachtslarven – Glückseligkeit aus Papier“ von Jürgen Stoll





















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