Die Geschichte der Basler Künstlerlarve

Hieronymus Hess 1843, Morgenstreich in Basel

 



Bevor die eigentliche Basler Künstlerlarve geboren wurde, gab es selbstverständlich schon viele Jahre zuvor Larven. Von den ersten Abbildungen Ende des 16. Jahrhunderts bis heute hat sich viel verändert. Doch in den Grundzügen blieb die eigentliche Maskierung die Gleiche. Die einzelnen Figuren hatten jeweils eine ganz spezielle Bedeutung oder wurden anders dargestellt.

Die Geschichte lässt sich verfolgen auf den Spuren des sagenumwobenen Heerkönigs aus dem 11. Jahrhundert bis zum heutigen Harlekin - ursprünglich ein und dieselbe Figur. Der Weg dieser Figur führte von der Normandie über die Commedia della` Arte in Venedig nach Basel. Die erste Erwähnung eines Harlekins oder Hanswursts an der Strassenfasnacht von 1783 beschrieb ihn als eine Figur mit einer weissen Weste, hohem Hut und gewachster Larve.

Im Mittelalter wurden auch Larven aus Holz und Metalllarven getragen. Aus dem 16. Jahrhundert ist das überlieferte Zeugnis über den Verkauf und Handel von Larven bekannt. "In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts kamen Stofflarven auf und zuletzt die Larven aus Papier Maché ("kaschiert").", so schrieb 1913 Paul Rudolf Kölner. 

Dass Larven zur Maskierung gehörten und auch getragen wurden, beweisen auch die Anzeigen in einer Zeitung um das Jahr 1830, in der Larven, Perücken, Schnäuze und Bärte angepriesen wurden. Der Besucher von Maskenbällen konnte sich jeweils an der Garderobe Kostüme und Larven mieten.

 

1843 malte Hieronymus Hess eines der schönsten Fasnachtsbilder überhaupt. Das Aquarell wurde noch im gleichen Jahr als Lithografie auf Stein in kleiner Auflage gedruckt.
 

Ende des 19. Jahrhunderts waren die klassischen Figuren fast gänzlich verschwunden. Pierrots, Harlekins, Ueli, Bajasse, Dummpeter und die Altfranken, welche heute nicht mehr wegzudenken sind, wurden erst nach dem 2. Weltkrieg wieder auf den Strassen gesehen. Der Waggis und die Alti Dante waren das ganze 20.Jahrhundert über beliebt. An den Maskenbällen herrschte eine eigene Mode. Da wurden vor allem Bajazzos, Dominos, Pierrots getragen. Die Larven wurden mehrheitlich aus Frankreich, Italien und Deutschland importiert. Auf die Basler Wünsche gingen die Lieferanten gerne ein. So bauten sie auch den Waggis nach Wunsch. Mit der Bemalung waren die Fasnächtler allerdings nicht zufrieden, mussten sie die Larven doch meistens ummalen, damit sie zu den jeweiligen Kostümen passten.

Die Basler Künstlerlarve - Ueli und Dummpeter

In kleineren Mengen wurden aber auch in unserer Stadt Larven hergestellt. Eine der ältesten Modelle ist der Ueli, auf einer Abbildung zu sehen vor dem Jahre 1900. Dieses Modell ist dasselbe, das beim alljährlichen Vogel Gryff bei den Uelis zum Einsatz kommt.

Die zweite historische Figur ist der Dummpeter - die einzig reine Basler Fasnachts-Figur, dessen Ursprung noch heraus zu finden ist. Heute wird die Figur anders dargestellt als noch im 19. Jahrhundert. 1864 wird beschrieben, wie laut und frech eine Begegnung mit dem Dummpeter ablief. Sein Auftritt ähnelt am ehesten einem Waggis, der die Leute aufstachelt.

 

Noch älter dürften die Larven auf den folgenden Abbildungen sein, die auch an der Basler Fasnacht getragen wurden. Das Material besteht aus Jute und Gips, was diese Larven einerseits sehr schwer machte und andererseits auch sehr zerbrechlich.

Basler Künstlerlarven | Wettbewerb für Larvenentwürfe Basler Kunstkredit/Metraux und Bucherer

1921 persiflierte die Fasnachtsgesellschaft Olympia den Kunstkredit. Dieses Sujet entwarf der Bühnenbildner Paul Rudin. Bei keinem Larvenhändler fand die Sujetkommission ein passendes Modell für die kubistisch gezeichnete Larve. Nach längerem Suchen entschlossen sich die Olymper, ihre Larven selber herzustellen.

Paul Rudin modellierte die Larve und kaschierte sie mit Papier und Kulissenleinwand. Nach etlichen Versuchen entstanden so die ersten eigenen kaschierten Larven. Von diesem Zug war Emil Metraux begeistert. Der Inhaber der Firma Emil Metraux und Cie. fabrizierte schon im Jahr darauf unter Mithilfe von Paul Rudin in besserer Qualität kaschierte Larven. Schnell interessierte sich die Basler Künstlerschaft für diese Technik. Erstaunlich  ist, dass sich die Fasnächtler erst zu diesem Zeitpunkt für die kaschierte Larve wirklich zu interessieren begannen, bezog man sie doch bekanntlich schon viel früher aus dem Ausland. 

Die Geburt der wirklichen Basler Künstlerlarve ereignete also im Atelier Metraux, in Zusammenarbeit mit dem Basler Kunstkredit. 1925 hatte nämlich der Kunstkredit einen Wettbewerb für Larvenentwürfe ausgeschrieben, Ausführung Firma Met-raux und Bucherer. Die Preissumme bezahlte diese Firma und bekam so das Recht an den Entwürfen. Im selben Jahr begann die Fabrikation von Wachslarven. Infolge dieses Wettbewerbes, das beim Publikum grosses Interesse weckte und von den Zeitungen wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde, erhöhte das Atelier Metraux die Auswahl von Modellen massiv. Neben den Gewinnern des Wettbewerbes, Paul Wilde, Hans Häfliger und Max Varin, wurden nun auch Larven von Otto Plattner, Haiggi Müller, Ferdinand Schott, Alfred Seiler, Martha Pfannenschmied, Adolf Weisskopf, Hedwig Frei, Albert Neuenschwander, Robert Stöcklin, Fritz Grogg, Karl Hindenlang und Benedikt Remund in das Sortiment aufgenommen. In der Wettbewerbskritik der Basler Nachrichten war zu lesen, dass die künstlerisch wertvollsten Larven die von Paul Wilde seien, aber mit dem 3. Platz war der Schreiber wenig zufrieden. Das Modell sei zu konstruiert, eine Larve müsse glaubhaft sein und eine Illusion erlauben.

Basler Künstlerlarven | Wettbewerb für Larvenentwürfe Basler Kunstkredit/Metraux und Bucherer

Somit war das Interesse an den Larvengesichtern und deren Gestaltung beim breiteren Publikum geweckt und die Diskussion eröffnet. In den darauf folgenden Jahren wurden die Paarlarven "Koxli" von Max Varin zu einem eigentlichen Verkaufserfolg. Der Start der Basler Künstlerlarve war zugleich der Anfang vom Ende der importierten Larven. Heute scheint es nicht mehr vorstellbar, damals aber stellten die Zeitungen regelmässig die neuen Larvenmodelle vor, die beim Atelier Metraux und Bucherer zu  kaufen waren. Bucherer und Metraux setzten eigenhändig die Entwürfe der Künstler um und entwickelten sich so zu bekannten Bildhauern. 


Zehn Jahre nach diesen Ereignissen konnte man sich keine Fasnacht ohne die eigene Larvenproduktion vorstellen. Zumal fast parallel 1927 Adolf Tschudin und Alfons Magne mit der Larvenproduktion in ihren Ateliers begannen, Adolf Tschudin mit Unterstützung von Paul Rudin und Otto Abt.

Viele Künstler arbeiteten in Folge beim Larven Tschudin, so zum Beispiel Iréne Zurkinden, Haiggi Müller, Louis Weber, Adolf Weisskopf, Karl Gutknecht, Lotti Krauss, Max Wilke und andere.

Bis zum 2. Weltkrieg hatte sich die kaschierte Larve etabliert und mit der immer grösser werdenden Strassenfasnacht verdrängte sie zum Teil die Wachslarve von der Strasse in den Ballsaal. Der Vorteil der kaschierten Larve lag auf der Hand. Mit dem Material liess sich unendlich viel realisieren, es konnten Larven in allen Grössen und Variationen hergestellt werden, ganz so wie wir sie alle kennen. Die Zeit der Wachslarven war mit dem Beginn des 2. Weltkrieges  vorbei.



Fotos & Text: Roman, Dominik und Bastian Peter.

Partnerseite: BaslerFasnacht.info

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Hieronymus Hess 1843, Morgenstreich in Basel